"Da wird man zum Mann"

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Fr, 08. Januar 2021

Skilanglauf

Der Lenzkircher Skilangläufer Janosch Brugger erlebt bei der Tour de Ski eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

. Es lebe der mündige Athlet. Hätte Janosch Brugger klein beigegeben und die Tour de Ski auf Anraten der Trainer vorzeitig beendet, um weiter zu trainieren, hätte das ihn um das zweitbeste Weltcup-Ergebnis seiner jungen Karriere gebracht und das beste Mannschaftsergebnis der deutschen Skilangläufer seit langem geschmälert. Doch der Topathlet der WSG Schluchsee setzte sich durch: erst gegen Teamchef Peter Schlickenrieder und dann auf der Skatingpiste im Südtiroler Toblach im Einzelrennen über 15 Kilometer.

Was seine guten Zwischenzeiten mit der frühen Startnummer fünf wert waren, zeigte sich erst im Rennverlauf. Ebenso, dass der 23-jährige Lenzkircher sich die drei Runden perfekt eingeteilt hatte. Von Rang 28 nach zwei Kilometern arbeitete Brugger sich im Rennverlauf kontinuierlich nach vorne. Am Ende der zweiten Runde lag der Weltcupsieger von Lillehammer im Dezember 2018 schon auf Position zwölf. Auf den letzten beiden Kilometern der Schlussrunde zog er mit seinem starken Finish noch an seinen Teamkollegen Florian Notz und Jonas Dobler vorbei und sicherte sich so Rang zehn hinter sieben Russen und zwei Franzosen. Dass der Hochschwarzwälder mit seiner Zeit von 33:33,5 Minuten nur 43,9 Sekunden langsamer als Seriensieger Alexander Bolschunow (Russland) war, unterstreicht seine hervorragende Leistung nach einer Durststrecke zu Saisonbeginn. "Der Skater war natürlich überragend" und habe ihn "auf ein nächstes Level gehoben", sagt Janosch Brugger rückblickend. Alles habe gepasst an diesem Tag und "ich habe mich quälen können bis zum Schluss".

Dass der Schwabe Notz und die Bayern Dobler und Lucas Bögl auf den Rängen elf bis 13 nur 1,3 bis 6,2 Sekunden hinter dem Schwarzwälder lagen, eröffnete dem deutschen Quartett für das Verfolgungsrennen in der klassischen Technik an Dreikönig eine sehr gute Ausgangsposition. Gemeinsam sollten sie um das nächste Topergebnis kämpfen.

Doch Brugger, der in der Nacht sehr gut geschlafen hatte und sich stark fühlte, zog seinen Teamkollegen gleich nach dem Start davon. Er sei das Rennen "e weng heißspornig" angegangen, analysiert er selbstkritisch. Doch sein zu hohes Anfangstempo sei nicht der einzige Grund, weshalb er von Rang 13 nach der ersten von vier Schleifen à 3,3 Kilometer immer weiter zurückfiel. In der kurzen Zeitspanne zwischen Frauen- und Männerrennen hätte er sich mehr Zeit zum Skitesten nehmen sollen, statt sich dafür länger auf der Wettkampfstrecke einzulaufen, weiß er jetzt. Denn an den Steigungen habe sein Ski im Rennen zu wenig Grip gehabt "und in den Abfahrten war er trotzdem nicht schneller", so die ernüchternde Erkenntnis auf der Strecke. Gegen Ende habe er das Rennen, das er als viertplatzierter Deutscher auf Rang 33 beendete, "irgendwann ein bisschen abgehakt". "Da lerne ich jetzt draus", verspricht er.

Gestern freute Janosch Brugger sich zunächst auf die kommenden zwei Rennen in Val di Fiemme. Ob er am Sonntag auch die berüchtigte Schlussetappe zur Alpe Cermis hochlaufen wird, werde sich nämlich erst danach entscheiden. Er möchte schon gern, auch wenn er sich die "Ultraschinderei" auf dem steilen Abfahrtshang noch nicht so recht vorstellen könne. "Da wird man zum Mann", sagt der 23-Jährige und muss gleich selber lachen.