Interview zum Muttertag

Drei Frauen aus drei Generationen sprechen über das Muttersein

Kathrin Blum

Von Kathrin Blum

Mi, 05. Mai 2021 um 15:14 Uhr

Liebe & Familie

Eine Familie, drei Generationen: Wie hat sich die Mutterrolle im Laufe der Zeit geändert? Darüber sprechen im BZ-Interview Helga und Monika Steurenthaler sowie Lisa Profazi.

Sie können nicht ohne, manchmal aber auch nur schwer miteinander: Mütter und Töchter. Ihre Beziehungen sind nicht immer leicht, manchmal sehr intensiv und oft ein Leben lang prägend. Über Erziehung, Erfahrungen und Erfolge sprach Kathrin Blum im Hochschwarzwald mit Helga Steurenthaler, deren Tochter Monika Steurenthaler und Enkelin Lisa Profazi, selbst Mutter zweier Töchter.

BZ: Frau Steurenthaler, wie hat sich Erziehung verändert, wenn Sie heute Ihre Enkelin im Umgang mit deren Töchtern beobachten?
H. Steurenthaler: Früher waren die Mütter viele Jahre lang stark gefordert, denn es gab keinen Kindergarten. Die Kinder waren immer zu Hause – so wie die Mütter ja auch. Ich hab nicht gearbeitet, nichts gelernt, war nur Hausfrau.
M. Steurenthaler: Nur? Weißt du nicht, dass eine Mutter 42 Berufe vereinigt? Sie ist Köchin, Wasch- und Putzfrau, Psychologin, Erzieherin, Lehrerin, Ärztin …
H. Steurenthaler: So habe ich das noch nie gesehen. Auf jeden Fall hatten meine Kinder eine schöne Kindheit, umgeben von vielen gleichaltrigen Nachbarskindern, viel draußen in der Natur. Wir hatten nicht viel Spielzeug, dafür fehlte das Geld. Aber das brauchte man auch gar nicht. Im Sommer sind die Kinder im nahegelegenen Weiher geschwommen, im Winter darauf Schlittschuh gelaufen.
Profazi: Spielsachen haben die Kinder heute haufenweise. Mehr, als die Kinder brauchen.
H. Steurenthaler: Damals waren halt Tannenzapfen das Spielzeug.
M. Steurenthaler: Wertvoller als Dinge ist doch ohnehin die Zeit, die man für die und mit der Familie hat. Insofern bin ich froh, dass ich seit über einem Jahr in Kurzarbeit bin – und viel Zeit mit meinen Enkelkindern verbringen kann.
Die Familie
  • Helga Steurenthaler stammt aus der Nähe von Danzig. Drei Jahre war sie während des Zweiten Weltkriegs mit ihrer Familie auf der Flucht, bevor sie 1948 in Alpersbach, etwas außerhalb von Hinterzarten, eine neue Heimat fand. Dort fand ihr Vater eine Anstellung als Waldarbeiter, sie selbst verdingte sich als "Hüttenmaidli". Die 81-Jährige hat zwei Kinder, drei Enkel, zwei Urenkel und lebt in Titisee.
  • Monika Steurenthaler hat ebenfalls zwei Kinder und zwei Enkel, sie lebt im gleichen Haus wie ihre Tochter Lisa in Breitnau. Die 57-Jährige hat berufliche Erfahrungen in vielen Bereichen gesammelt. Die gelernte Einzelhandelskauffrau verkaufte Spielwaren und Fertighäuser, arbeitete in der Földiklinik in Hinterzarten, im Reisebüro und im Badeparadies, war Management-Assistentin und Frühstücksdame. Seit vier Jahren arbeitet sie bei der Hochschwarzwald Tourismus GmbH. Seit Corona ist sie in Kurzarbeit.
  • Lisa Profazi hat zwei Töchter und erwartet im August ihr drittes Kind. Die 33-Jährige ist medizinische Fachangestellte und arbeitet derzeit im Archiv der Földiklinik.
  • Lara Profazi (2) verstand zwar nicht viel von dem, was die Frauen da besprachen, fand es aber toll, Oma und Uroma bei sich zu haben.

BZ: Ältere Generationen halten jüngeren häufig vor, die Kinder zu sehr zu verhätscheln. Ist das bei Ihnen auch so?
Profazi: Meine Erziehung ist manchmal härter als die meiner Mutter. Ich renne nicht immer gleich, wenn ein Kind kräht. Meine Töchter müssen auch mal etwas selbst regeln und sich alleine beschäftigen können.
M. Steurenthaler: Ich kann über meine Mutter etwas sagen, was vermutlich nur wenige können: Ich bin froh, wenn ich so bin, beziehungsweise werde wie sie. Und ich hoffe, dass meine Tochter das auch einmal über mich denkt.
H. Steurenthaler: Mir war immer wichtig, den Kindern meine positive Lebenseinstellung weiterzugeben. Und was das Verhätscheln angeht: Also früher gab es ja schon einmal einen Klaps auf den Po...
Profazi: Wenn man viel mit den Kindern alleine zu Hause ist – und sich die Kinder möglicherweise noch gegen einen verbünden, kann man schon mal an den Punkt kommen, an dem alles zu viel wird. Früher gab es in solchen Situationen einen Klaps auf den Po. Heute macht man halt Yoga. Ich kann Oma da auf jeden Fall verstehen.
M. Steurenthaler: Sowas darf man doch nicht sagen, wenn eine Journalistin zuhört.
Profazi: Wieso? Nur, weil man mal eine gefangen hat, hat man deshalb doch keinen Schaden. Behaupte ich zumindest.
H. Steurenthaler: Eben! Früher war vieles anders, das Leben anstrengender. Unsere Wege waren weit. Zum Doktor musste ich sieben Kilometer laufen, mit Kinderwagen. Weil wir wenig Geld hatten, waren wir weitgehend Selbstversorger. Wir hatten einen großen Garten, Pilze und Heidelbeeren gab es im nahegelegenen Wald. Viele Früchte haben wir sterilisiert, um lange etwas davon zu haben.
M. Steurenthaler: Mmmmh, sterilisierte Heidelbeeren. Das ist der Geschmack meiner Kindheit. Lecker! Machen wir das bald mal wieder, Heidelbeeren sammeln und sterilisieren?
H. Steurenthaler: Das ist eine gute Idee.

BZ: Sie sagten: Das Leben war anstrengender. Aber war es auch komplizierter?
M. Steurenthaler: Heute sind es andere Dinge, die das Leben schwierig machen. Kinder stehen mehr unter Druck, man orientiert sich eher an anderen, muss mithalten, zum Beispiel in Sachen Klamotten oder Handy. Zudem sitzen Kinder zu viel vor dem Fernseher oder am Computer.
H. Steurenthaler: Und wir hatten seinerzeit noch nicht einmal ein Telefon, geschweige denn eine Heizung.

Früher war das Kinderkriegen und -haben auf jeden Fall selbstverständlicher. Helga Steurenthaler
BZ: Heute denken viele lange über die Familiengründung nach und planen das Kinderkriegen akribisch. Zudem gibt es zahlreiche Hilfsangebote für Familien, etwa Beratungsstellen und Therapeuten. Hat Familie ihre Selbstverständlichkeit verloren?
H. Steurenthaler: Früher war das Kinderkriegen und -haben auf jeden Fall selbstverständlicher. Wir waren ja auch nicht aufgeklärt. Die Kinder kamen halt. Ich hatte sieben Geschwister...
Profazi: Die ganzen Beratungsangebote gibt es wahrscheinlich auch, weil viele sich selbst und ihren Fähigkeiten nicht mehr vertrauen. Das ist etwas, das mir meine Mutter mitgegeben hat und was ich meinen Kindern ebenfalls unbedingt vermitteln will: Sie sollen an sich selber glauben, sich Fehler eingestehen – und sich geborgen fühlen. Einer alleine schafft es nicht, das zu vermitteln, da spielt die ganze Familie eine Rolle. Also auch meine Mama und meine Oma.
M. Steurenthaler: Da muss ich wirklich sagen: Dank Corona ist das möglich. Weil ich jetzt oft zu Hause bin, habe ich viel mehr von den Enkelkindern. Auch ich gebe ihnen das weiter, was meine Mutter mir mitgegeben hat: Dass es wichtig ist, eigene Erfahrungen zu sammeln, man seinen eigenen Weg finden und gehen muss.
Profazi: Ja, durch Corona sind wir zusammengerückt.
M. Steurenthaler: Ich habe durch die Pandemie zwar weniger Geld, aber das ist es wert.
Profazi: Es ist gut, dass Mama jetzt da ist und sogar bei uns im Haus wohnt. Denn manche Dinge lassen sich Kinder einfach nicht gerne von ihren Eltern beibringen. Da braucht es die Großeltern.
M. Steurenthaler: Schön, dass du das so siehst. Ich kann wirklich zufrieden sein, wie meine Kinder geraten und dass sie immer in der Spur geblieben sind. Ich denke schon, dass man durch Erziehung einen Einfluss darauf hat.
H. Steurenthaler: Ich bin auch stolz auf meine Kinder.

BZ: Versteht man seine Mutter besser, wenn man selbst Kinder bekommt?
Alle: Ja!
Profazi: Auf jeden Fall. Das Verständnis wächst sehr. Zum Beispiel für die gesetzten Grenzen. Wobei ich die auch früher schon verstanden habe.
M. Steurenthaler: Jaja, nur mit dem Umsetzen hat’s nicht so geklappt, gell? Ich habe früher nie verstanden, was meine Mutter immer mit ihrer Ordnung hatte und warum sie uns Kindern so viel hinterher geräumt hat. Bis ich selbst damit angefangen habe, meinen Kindern hinterherzuräumen. Wenn man Kinder bekommt, wird man auch dankbar(er) für die Opfer, die die eigene Mutter für einen gebracht hat.

BZ: Der bevorstehende Muttertag soll daran erinnern und ist eine schöne Gelegenheit, sich zu bedanken. Wie stehen Sie zu diesem Tag?
Profazi: Es ist schön, dass es ihn gibt, und manche brauchen ihn sicherlich auch. Wir aber nicht! Bei uns hilft und beschenkt man sich das ganze Jahr. Dafür braucht es keinen Gedenktag. Ich kann wirklich das ganze Jahr über sagen: Schön, dass es dich gibt, Mama.
M. Steurenthaler: Es ist ein wirklich tolles Gefühl zu wissen, dass meine Tochter jederzeit für mich da ist, wenn ich sie brauche.
H. Steurenthaler: Das gilt für mich genauso – und es ist schön, dass das bei uns selbstverständlich ist.
M. Steurenthaler: In anderen Familien ist es das nicht. Da haben wir großes Glück.

BZ: Das klingt sehr harmonisch. Aber bestimmt können Sie auch streiten.
Profazi: Oh ja. In der Pubertät gab es richtig Zoff. Aber mittlerweile hat sich das gelegt. Natürlich ist mal jemand schlecht gelaunt. Dann lässt man sie halt in Ruhe, bis sie sich wieder beruhigt hat.

BZ: Fragen Sie sich bei wichtigen Entscheidungen gegenseitig um Rat?
Profazi: Ja, sehr oft sogar.
M. Steurenthaler: Auf jeden Fall. Wir erzählen uns viel.
H. Steurenthaler: Ich weiß zu schätzen, mit 81 Jahren noch so gesund zu sein und am Leben meiner Kinder, Enkel und Urenkel teilhaben zu können – mit Rat und Tat.