Glosse

Darum mögen viele Russen keine Regenbögen

Stefan Scholl

Von Stefan Scholl

Fr, 10. Juli 2020 um 15:29 Uhr

Panorama

Regenbögen, ausgerechnet Regenbögen! Russlands Patrioten haben ein neues, grellbuntes Feindbild. Im Internet hagelt es Hinweise, wo sich der schwul-lesbische Regenbogen eingeschlichen habe.

Es begann Ende Juni damit, dass die Botschaften der USA und Großbritannien in Moskau zur Feier der heimischen Gay-Paraden regenbogenfarbene LGBT-Fahnen hissten. Und das just, als Russland eine Woche lang über seine neue Verfassung abstimmte, eine Sammlung "traditioneller Werte", die ausdrücklich festschreibt, nur Männer und Frauen dürften Ehepaare sein. Moskau ärgerte sich, auch Wladimir Putin spottete über die Flaggen: "Die haben da irgendwas darüber gezeigt, wer dort arbeitet."

Russlands selbsterklärte Patrioten haben derzeit ein neues, buntes Feindbild. Jekaterina Lachowa, Vorsitzende des russischen Frauenbundes, beschwerte sich bei Putin persönlich über Regenbögen auf Reklameschildern, es gäbe sogar eine bunte Eissorte namens "Regenbogen", so würden Kinder genötigt, sich an die Unzucht zu gewöhnen. "Ich mag keine Regenbögen", erläuterte Lachowa später, "wie auch Hakenkreuze". Der Präsident stimmte ihr zu, man müsse, wenn auch "ohne Aggressivität" die vaterländische Reklame in Zukunft auf Propaganda nicht-traditioneller Werte kontrollieren.

Im Internet hagelt es sachdienliche Hinweise, wo überall sich der schwul-lesbische Regenbogen eingeschlichen habe: Auf Schokodrops-Tüten, auf den Logos von Einkaufszentren oder Antidrogenverbänden, auf der offiziellen Flagge des ostsibirischen Autonomen Jüdischen Gebiets. Das Portal fontanka.ru entdeckte allein in Sankt Petersburg 225 Organisationen, die das Wörtchen "Regenbogen" im Namen tragen. Zwischen Kaliningrad und Kamtschatka nennen sich – in den Augen der Nationalisten fatalerweise – vor allem Kindergärten, Musik- und Tanzschulen "Regenbogen", seit Jahrzehnten. Und was ist mit der Anordnung der Filzstifte in den Federmäppchen von Schülern?

Regenbögen, ausgerechnet Regenbögen! Radio Kommersant FM rätselt nun, wie die Behörden in Zukunft das Auftauchen der grellbunten Naturphänomene am Himmel über Russland verhindern wollen.