Kernenergie

Das Ende des Atommeilers Gundremmingen steht bevor

Ulf Vogler

Von Ulf Vogler (dpa)

Mo, 13. Dezember 2021 um 15:23 Uhr

Deutschland

An Silvester wird ein weiteres Symbol des Atomzeitalters seinen Betrieb einstellen: Das umstrittene Kernkraftwerk im schwäbischen Gundremmingen. Der Rückbau dauert bis weit in das nächste Jahrzehnt.

Kernkraft und Bayern – das gehörte Jahrzehnte lang untrennbar zusammen, besonders wegen der atomfreundlichen Politik der CSU. Bis zur Atomkatastrophe im japanischen Fukushima vor einem Jahrzehnt liefen nicht nur fünf Meiler im Freistaat, die Staatsregierung wollte einst sogar die deutsche Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im oberpfälzischen Wackersdorf betreiben.

Lange einer der größten und wichtigsten Atomstandorte

Die WAA scheiterte bereits vor der Errichtung – und am 31. Dezember 2021 wird ein weiteres Symbol des Atomzeitalters seien Betrieb einstellen. Das Kernkraftwerk im schwäbischen Gundremmingen wird endgültig vom Netz genommen. Lange war die Gemeinde im Landkreis Günzburg einer der größten und wichtigsten Atomstandorte der Republik. Insgesamt drei Blöcke wurden dort betrieben.

Nun wird der letzte davon, Block C, unmittelbar nach dem Jahreswechsel nach und nach demontiert. Seit Mai 2021 liege die Genehmigung vor, dass auch der dritte Block rückgebaut werden dürfe, sagt Anlagenleiter Heiko Ringel. "Damit wird dann im Januar 2022 begonnen."

Gundremmingen zählt nicht nur zu den bekanntesten Standorten der Atomstromproduktion in Deutschland – es war auch einer der umstrittensten. Mit Block A begann im Jahr 1966 die industrielle Atomstromproduktion in der Bundesrepublik. Dieser erste Meiler wurde nach einem Jahrzehnt nach mehreren schweren Störfällen abgeschaltet. Block B des Kernkraftwerks war Ende 2017 planmäßig nach 33 Jahren vom Netz gegangen. Gundremmingen war bis dahin der letzte Atom-Doppelstandort mit zwei aktiven Reaktoren in Deutschland.

Der gleiche Typ Reaktor wie in Fukushima

Kernkraftgegner sahen die schwäbischen Meiler stets als "besonders gefährlich" an, wie es der Bund Naturschutz in Bayern (BN) formuliert. Es sei der letzte Siedewasserreaktor Deutschlands, der gleiche Typ wie in Fukushima. Bei diesen bestehe im Unterschied zu Druckwasserreaktoren eher ein Risiko, dass radioaktiv kontaminierter Dampf das Reaktorgebäude verlassen könne. "Die Freisetzungsgefahr von Radioaktivität ist damit besonders erhöht", meint der BN. Außerdem seien in Schwaben besonders viele Mox-Brennelemente mit gefährlichem Plutonium verwendet worden.

Zuletzt sorgte der Block C auch wegen Brennelementedefekten für Schlagzeilen. Betreiber RWE musste den Reaktor mitunter außerplanmäßig herunterfahren. Das Unternehmen betonte stets, dass das Kraftwerk für solche Defekte ausgelegt sei und keine Gefahr bestehe.

Am Silvestertag endet nicht nur die Betriebserlaubnis für den Block C in Gundremmingen, der im Jahr 1984 zusammen mit Block B fertiggestellt wurde. In Norddeutschland werden dann auch die Meiler Brokdorf und Grohnde abgeschaltet. Ende 2022 folgen die Reaktoren Emsland in Niedersachsen, Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg und Isar 2 in Niederbayern – dann ist das Atomstromzeitalter in Deutschland Geschichte.

Frankreich plant neue Atommeiler

Dabei wird seit einigen Monaten auch hierzulande über eine Renaissance der Kernenergie diskutiert. Der große Energiebedarf gerade im Hinblick auf die E-Mobilität und die Abkehr vom Kohlestrom lassen einige fordern, dass Deutschland den Atomausstieg rückgängig machen soll. Dazu passt, dass die EU Atomenergie als nachhaltig anerkennen will. Frankreich plant angesichts der Klimakrise neue Atommeiler. Manche Kritiker des deutschen Ausstiegs sagen deswegen auch, dass die Bundesrepublik künftig zwar selbst keinen Atomstrom mehr produzieren werde, den in fremden Atommeilern hergestellten Strom dann aber in nennenswerte Größe aus dem Ausland importieren werde.

In Gundremmingen werden nach der Abschaltung noch mindestens 15 Jahre lang die ehemaligen Blöcke B und C die rund 1340 Einwohner große Gemeinde prägen. Der milliardenschwere Rückbau des Kraftwerks wird bis weit in das nächste Jahrzehnt dauern.

Mehr zum Thema: