Das Federding, das in der Seele hockt

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Do, 02. Dezember 2021

Literatur & Vorträge

Von Vögeln und Engeln: "Federn Lesen" – Fotografien von Michael Wissing, Texte von Gerd Heinz.

Das Buch ist ein Schatzkästchen. Einpackt – oder soll man sagen: eingehüllt – in ein Etui von intensivem Blau, muss man den Inhalt herausheben aus der Schatulle, um ihn lesend und schauend – schauend und lesend – genießen zu können. Zwei in Freiburg lebende Könner ihres Fachs haben sich zusammengetan: der Fotograf Michael Wissing und der Regisseur und Autor Gerd Heinz. "Federn Lesen" lautet der Titel des in sonnengelbes Leinen eingebundenen schmalen Bandes, der Untertitel: "Drei Versuche". Natürlich hört man die Wendung "kein Federlesen machen" mit – kein Aufheben, keine Umstände produzieren.

Hier geschieht das Umgekehrte. Hier werden die Federn zelebriert: in Wissings delikaten Aufnahmen von Vogelfedern in ihrer (vermeintlichen) Fragilität, ihrer unfassbaren Farbigkeit und vielädrigen Struktur. Pflaumweich und von elastischer Härte, zerzaust und seidenglatt: ein Wunder der Natur. "Der Vogel stirbt, aber die Federn leben weiter": Diese so einfache wie verblüffende Erkenntnis der Künstlerin Rebecca Horn kann als Leitmotiv für diese Grenzobjekte zwischen Tier und Ding gelten.

In aphoristischen Texten hat sich Gerd Heinz erhellende Gedanken gemacht über die Feder in Alltag, bildender Kunst und Literatur. Hüte tragen Männer heute kaum noch – die Feder am Hut erst recht nicht. Das war anders, als Heinz ein "Knirps" war und seinen 50 Jahre älteren Vater nie ohne Hut – und einer kleinen Feder an demselben – aus dem Haus gehen sah. Man schmückte sich damals gern mit (fremden) Federn.

Wem fiele nicht die legendäre Josephine Baker ein, die mit spektakulärem Federschmuck auftrat – oder, jetzt wieder Heinz, Eartha Kitt, die in einer roten Boa aus Straußenfedern auftrat. Federn waren auch ein Symbol für Verruchtheit. Das ist lang vorbei.

Heute dienen Federn als Füllmaterial von Bettdecken oder Winterjacken. Wenn überhaupt. Daunen sind in Verruf geraten, es gibt Firmen wie "Save the Duck". Auch der Federkiel gehört der Vergangenheit an. "Wie viele Millionen Gänse- oder Schwanenfedern wurden zurechtgeschnitten, damit der Mensch vor der Erfindung der Stahlfeder und des Füllfederhalters jahrhundertelang schreiben konnte", sinniert Heinz. Das stimmt. Ohne Feder keine Handschrift. Und dass das umgangssprachliche Wort "Penne" für Schule auf das lateinisch-italienische Wort für Feder zurückgeht: Wer hätte es gewusst?

Gerd Heinz spielt vieles mit eleganter Beiläufigkeit an – auch die Flügel der Engel in der Malerei, bei Caravaggio, Tizian, El Greco oder Dürer, in der Literatur bei Georg Forster oder Anita Albus – und im letzten der drei "Versuche" setzt er dem Detmolder Dichter und "Saufkopp" Christian Dietrich Grabbe ein zwischen Genie und Delirium irrlichterndes Denkmal. Grabbe, wie er mit dem Kopf in einer Bierlache liegt und seinen mythischen Aufstieg in den Himmel halluziniert – um tiefer abzustürzen ins westfälische Elend. Der wunderbaren Dichterin Emily Dickinson gebührt das letzte Wort: "Hoffnung ist das Federding, das in der Seele hockt." Beflügelnd.

Gerd Heinz, Michael Wissing: Federn Lesen. Drei Versuche. Edition Rombach, Freiburg 2021. 63 Seiten, 30 Euro.