Das ganze Klangspektrum der Orgel ausgenutzt

Susanne Ramm-Weber

Von Susanne Ramm-Weber

Fr, 03. Januar 2020

Offenburg

Gut besuchtes Konzert zum Jahreswechsel in Heiligkreuz / Trompeter Frieder Reich und Organist Stean Pöll spielen Ohrwurm-Melodien und Silvester-Klassiker.

OFFENBURG. Was wäre, wenn die Menschen aus den Kirchenbänken sich erheben und in der Kirche zum Walzer das Tanzbein schwingen? Das Silvesterkonzert in der Heiligkreuzkirche, die überaus gut besucht war, lässt solche Gedanken nicht von ungefähr aufkommen. Der Trompeter Frieder Reich und der Organist Stefan Pöll, beide aus Freiburg, haben ein entsprechendes Programm zusammengestellt, das den Bogen von der Barockmusik über die Hochromantik in die zeitgenössisch adaptierte Choralmusik spannte. Eingangs stand eine Sonate in D-Dur für Orgel und Trompete von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) mit drei Sätzen, die erst langsam und getragen, dann in absteigender Linie gedämpfter und schließlich schnell, schwungvoll und flott erklingen. Ein Weihnachtsstück, ein Noël in Variationen, des französischen Komponisten Michel Corrette (1707 bis 1795) schließt sich an, bald punktiert, bald düdelnd, in den Registern der Orgel ein munterer Wechsel zwischen vorne und hinten, trägt das Stück den Charakter der schmiegsamen französischen Barockmusik. In einfacher Weise, nur Melodie und Continuo beginnt der Satz von Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780), einem Schüler Johann Sebastian Bachs, in der Orgel, dann legt sich die Trompete mit klarem, vollem Ton darüber, spielt die eigene Melodie aus und am Ende wird alles mit Prallern und Trillern verziert.

Zeitgenössisch wurde es mit moderaten Choralbearbeitungen über "Jesu meine Freude" und "Gott des Himmels und der Erden" des niederländischen, in Berlin aufgewachsenen Komponisten Jan Koetsier (1911 bis 2006), die besonders in der Harmonik ungewöhnlich erscheinen.
Das Duo spielt schön aufeinander abgestimmt, dezidiert setzt die Trompete die Einwürfe, dann geht es zurück in die leisen Töne und erhält einen leicht verwunschenen Charakter. Der Höhepunkt des Konzerts aber ist die Bearbeitung der Nussknackersuite von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 bis 1893) für Orgel, welche die besonders markanten Sätze umfasst. Nach Ouvertüre und Marsch der Zinnsoldaten folgen der Tanz der Zuckerfee, der russische, der arabische und der chinesische Tanz, dann der Tanz der Rohrflöten und schließlich beschwingend der Blumenwalzer mit Aufforderungscharakter.

Hier gelingt es Stefan Pöll mit der Registrierung das breite Klangspektrum der Orgel mit ihren 36 Registern auszunutzen und eine spannende Version der eingängigen Ohrwurm-Melodien, die jeder im Ohr haben mag, darzubieten, lustig, reizvoll, hüpfend, fremd, dumpf, ziselig heller und fein, schließlich blubbernd. Das Rückpositiv sorgt für den Klang in der Ferne, und die Stimmung überträgt sich, Zwischenapplaus. Noch einmal wird es zeitgenössisch mit einer Choral-Bearbeitung über "Vom Himmel hoch, o Engel kommt" des weltweit konzertierenden Wiesbadener Organisten Hans-Uwe Hielscher (geboren 1945), feierlich, ruhig und besinnlich. Das Konzert endet mit Sätzen aus der Wassermusik und der Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759), den Silvester-Konzert-Klassikern.

Das Publikum erklatscht sich die Filmmusik zu "Dinner for one", die nur in der deutschen Version dieses Ulks zu hören ist, als Zugabe. Prost Neujahr!