"Das ist die Kirsche auf der Torte"

Max Schuler

Von Max Schuler

Do, 24. August 2017

Denzlingen

BZ-INTERVIEW mit dem Denzlinger Triathleten Philipp Keller, der zum ersten Mal beim Ironman in Hawaii an den Start geht.

DENZLINGEN/GUNDELFINGEN. Der in Denzlingen lebende und in Gundelfingen aufgewachsene Philipp Keller steht vor der größten Herausforderung seiner sportlichen Karriere: Er startet beim Ironman in Hawaii. Im Interview mit Max Schuler spricht er über seine Paradedisziplin beim Triathlon, über körperlichen Verschleiß und den hohen Suchtfaktor des Sports.

BZ: Ironman in Hawaii: Wird für Sie mit der Teilnahme ein Traum war?
Keller: Das ist der absolute Höhepunkt meiner Karriere. Man könnte sagen, es ist die Kirsche auf der Torte. Früher habe ich den Ironman im Fernsehen beobachtet und darüber in der Zeitung gelesen. Jetzt wird einem langsam bewusst, dass man selbst daran teilnimmt.

BZ: Fast vier Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und dann noch einen Marathon laufen. Das würden andere eher als Höllenqual wahrnehmen.
Keller: Ich finde es reizvoll. Was es in Hawaii wirklich hart machen wird, sind die äußeren Bedingungen. Die Temperaturen liegen dort konstant über dreißig Grad, dazu kommt eine hohe Luftfeuchtigkeit.

BZ: Was ist Ihre Paradedisziplin?
Keller: Das Laufen. Ich bin froh, dass meine Paradedisziplin am Ende kommt, da kann ich noch Plätze gut machen. Ich komme aus einer sehr sportbegeisterten Familie und hatte früh Kontakt zum Ausdauersport. Mit sechs Jahren habe ich in Gundelfingen angefangen, Bambiniläufe zu machen. Wirklich mit Triathlon angefangen habe ich erst 2009. Seitdem bin ich treu und überzeugt dabei.

BZ: So ein Triathlon ist auch mental eine Herausforderung.
Keller: Da geht tatsächlich einiges im Kopf ab. In Nizza bei der Qualifikation für den Ironman in Hawaii waren es neuneinhalb Stunden Wettkampf. Das sind Stunden, die nicht immer gut sind. Zwischendurch kommen Momente, in denen man zweifelt. Da kommen teilweise extreme Hungergefühle. Was einen da immer wieder vorantreibt, können zum Beispiel Leute am Streckenrand sein, die auf einen warten. Es kann auch ein Rückblick sein auf die vielen Trainingsstunden, von denen man jetzt die Früchte ernten möchte. Oder man schöpft Kraft aus dem Gedanken, später die Beine hochlegen zu können. Das ist, was diesen Sport ausmacht: diese persönliche Grenzerfahrung.

BZ: Denken Sie auch mal an das Aufgeben?
Keller: Ja. Doch bis man den Gedanken zu Ende gesponnen hat, merkt man, dass man wieder zwei Kilometer zurückgelegt hat. Dann wird einem klar: Es geht doch weiter. Den Zeitpunkt des Aufgebens sollte man relativ weit schieben und nur in Anspruch nehmen, wenn man merkt, dass es gesundheitlich kritisch wird. Wenn man angeschlagen ist, verletzt ist oder eine technische Panne hinzukommt.

BZ: Haben Sie es auch mal übertrieben? Keller: Ich kam in Bereiche, in denen ich merkte: Jetzt bist du über dem Limit.

BZ: Wie fühlt sich das an?
Keller: In dem Moment nicht gut. Es ist dann ein Leiden. Man kann schlecht erklären, was einen dazu bewegt, weiterzumachen. Wenn man Teilnehmer vom Ironman direkt nach dem Rennen fragt, ob sie es nochmal machen würden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sehr viele nein sagen. Ein paar Tage später, mit dem Stolz und der Erfahrung, es geschafft zu haben, ändern viele ihre Meinung und freuen sich auf das nächste Rennen.

BZ: Von Verletzungen sind Sie verschont geblieben?
Keller: Der Verschleiß ist definitiv da. Bei diesen Disziplinen kann man nicht mehr von Gesundheitssport sprechen. Nach einem Triathlon dauert es viele Wochen, bis der Körper wieder die ganze Kraft hat. Der Rücken ist sehr belastet durch das Radfahren. Für Muskulatur, Sehnen, Bänder und Gelenke ist das Laufen wohl die heftigste Disziplin. Wenn ich auf meine sportliche Laufbahn zurückblicke, habe ich Gott sei Dank nie Probleme mit schweren Verletzungen gehabt.

BZ: Wie trainieren Sie für Hawaii?
Keller: Kurz nach Nizza stand die Priorität auf Erholung. Künftig werde ich 18 bis 20 Stunden in der Woche trainieren. Diese Stundenanzahl beinhaltet alle drei Disziplinen plus Kräftigungsgymnastik und Dehnen. Rumpfstabilität ist wichtig, damit man nicht während des Laufs in sich zusammensackt. Der Körper darf jetzt weder unter- noch überfordert werden.

BZ: Wo trainieren Sie in der Region?
Keller: Für das Radfahren haben wir ein ideales Gebiet. Ich wohne in Denzlingen. Von dort aus gesehen, hat man den Schwarzwald im Rücken und die Rheinebene vor sich. Ich fahre Strecken, die zwischen der schweizerischen Grenze und Lahr verlaufen. 80 Prozent des Schwimmtrainings findet im Denzlinger Bad statt. Um im Freiwasser zu trainieren, geht es in den Opfinger See. Die Laufstrecken sind zwischen zehn und dreißig Kilometer lang. Ich sehe es als Geschenk an, dass man von meiner Wohnung aus in wenigen Minuten das Glottertal vor sich hat, die Elz oder die Felder zwischen Denzlingen und Gundelfingen. Das ist nicht monoton, wie etwa im Kreis zu laufen.

BZ: Freizeit bleibt nicht viel übrig, oder?
Keller: Wenig. Familie und Beziehung sollten aber nicht zu sehr unter dem Sport leiden. Ich habe seit einem Jahr eine Freundin. Sie war vorher nicht so in die Szene involviert – umso mehr Respekt habe ich, dass sie die Ruhe und Akzeptanz mitbringt und mich unterstützt. Ohne das würde es nicht gehen. Gerade wenn es auf die Wettkämpfe zu geht, muss man schon die Priorität auf den Sport lege. Ein Kinobesuch muss aber immer mal drin sein. Da ist Zeitmanagement gefragt.

BZ: Ist ein Bierchen nach dem Wettkampf drin?
Keller: Ich trinke gar keinen Alkohol. Ich lebe aber auch nicht asketisch. Wenn ich mal Lust habe, etwas zu essen, dass andere als sehr ungesund empfinden, dann gönne ich mir auch Pommes und Burger. Ich glaube aber, je mehr Sport man macht und desto bewusster der Lebensstil ist, desto weniger Gelüste hat man auch nach sogenannten ungesunden Sachen.

BZ: Hat das Laufen einen Suchtfaktor?
Keller: Ja, das würde ich schon sagen. Ich bin hauptberuflich im Alkohol- und Drogenentzug tätig als Sport- und Bewegungstherapeut. Wenn ich Erfahrungen von meinen Patienten höre zu Suchtmitteln und deren Entzugserscheinungen, erkenne ich Parallelen. Gerade wenn man den Sport nicht ausübt im Herbst und Winter. Da gibt es Auswirkungen, die einem Entzugssymptom ähnlich sind.

BZ: Wie wirkt sich das bei Ihnen aus?
Keller: Das Schlafverhalten ändert sich. Dem Körper fehlt die Bewegung. Man wird unruhiger und auch dünnhäutiger. Es fehlt die Ausgeglichenheit, die man durch den Sport hat.

BZ: Haben Sie sich eine bestimmte Zielmarke für Hawaii gesetzt?
Keller: Anfangs war das Ziel nur: Hingehen und Erleben. Doch ganz geschlagen geben, möchte man sich nicht. Ich will schon nochmal gucken, was der Körper hergibt. Ich habe mir aber keine Zeit oder Platzierung vorgenommen.