Wechseljahre

Das neue Ruhen im Unterleib ermöglicht ein Aufblühen im Denken und Fühlen

Cordula Falt

Von Cordula Falt (Kirchzarten)

Do, 18. Februar 2021

Leserbriefe

Zu: "Einschneiende Wechseljahre", Beitrag von Martina Philipp (Magazin, 6. Februar)

Der Artikelversuch ist ergänzungswürdig. Es wird ausschließlich das halbleere Glas Wasser gezeigt. Ich versuche es mal mit dem halbvollen: Ja, Wechseljahre stellen für Frauen und Männer eine einschneidende Zeit dar.

Was in der Pubertät sich einklinkte, nämlich das Stoffwechselsystem in den Geschlechtsbereich, löst sich aus diesem jetzt spiegelbildlich heraus. Wenn wir uns an unsere seelisch-körperlichen Turbulenzen damals erinnern, so entsprechen dem die Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen am anderen Pol der Skala. Der Wehmut, nicht mehr Kind zu sein, neben dem Aufbruchsgefühl, geschlechtsreif zu werden, entspricht jetzt natürlich die Wehmut, älter zu werden, zusätzlich zu der Erleichterung, nicht mehr für Verhütung sorgen zu müssen.

Das neue Ruhen im Unterleib ermöglicht ein Aufblühen im Denken und Fühlen, das es in dieser Klarheit und Schönheit vorher so nicht gab. So ist Altwerden überhaupt kein Schreckgespenst, liebe Frau Dornberg-Lämmlin, sondern der Eintritt in eine wieder neue Lebensphase mit neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, und zwar für Frauen wie für Männer. Dass die Lust vieler Frauen auf Sexualität sinke, hat damit zu tun, dass in dieser Zeit oft längst das oberflächliche Interesse aneinander erloschen ist und das tiefe Interesse aneinander wartet, endlich wahrgenommen und ernstgenommen zu werden. Die weiblichen Geschlechtsorgane bleiben bei entsprechender körperlicher und seelischer Pflege ebenso "fähig" zum Tätigsein wie die männlichen.

In der psychotherapeutischen Praxis ist oft erlebbar, dass der Glaube der Frau, sie habe kein Bedürfnis mehr nach Sexualität, aus frustrierenden sexuellen Erfahrungen über lange Zeit mit diesem Partner resultiert. Sie konnten in jungen Jahren nicht dafür sorgen, dass es ihnen gut geht in der Art, in der sie ihrem Partner und ihr Partner ihnen begegnet. Hätten sie in der Sexualität das, was ihnen guttut, würden sie feststellen, dass sie im Alter mehr Lust in der Begegnung haben als je vorher. Die Sexualität der älteren und alten Paare ist – unter Berücksichtigung einiger Besonderheiten – erfüllender als der oberflächliche Sex. Beide Partner brauchen in dieser Phase Verständnis füreinander. Spannender Aufbruch, ein Leben lang. Cordula Falt, Kirchzarten