Ein Reich sprechender Stühle

Michael Baas

Von Michael Baas

Sa, 25. Mai 2019

Weil am Rhein

VITRA CAMPUS I: Das Schaudepot beleuchtet die Wechselwirkung von Design und Comic.

"Immer wieder Leder und Metall", klagt ein Freischwinger Mies van der Rohes in einer Sprechblase im Vitra Schaudepot in Weil am Rhein. "Das ist echt Mies", entgegnet in einer zweiten Blase eine Variante des auch als Weißenhof-Stühle bekannten Möbels. In einer gegenüberliegenden Regalreihe moniert ein 1948 kreierter Plastik-Armlehnensessel von Charles und Ray Eames sein Dasein als Design-Ikone, während ein schlichterer Stapelstuhl der DSS-Reihe diese Larmoyanz mit "ich mach’ hier doch das ganze schwere Zeug" kontert. Die comichaft und augenzwinkernd sprechenden Stühle sind ein Baustein der Ausstellung "Living in a Box. Design und Comics" und beziehen die Bestände des Schaudepots erstmals ganzheitlich in das da etablierte Ausstellungsformat ein: Eine inspirierte Idee von Erika Pinner, die hier ihre erste Ausstellung kuratiert und mit dem kongenialen Ansatz gleich das ganze Schaudepot bespielt.

Im Kern dreht sich die Schau um die Wechselwirkungen zwischen Design und Comic – eine Beziehung, die seit dem Durchbruch des Genres in US-amerikanischen Zeitungen und Magazinen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu beobachten ist und die mit der Popkultur seit den 60er Jahren zusätzliche Dynamik erhalten hat. Die Bilderwelten der Science-Fiction-Comics der Pop-Epoche etwa diffundierten sichtbar in das Design: Maurice Calkas "Boomerang" Schreibtisch aus dem Jahr 1969 oder Eero Aarinio 1971 entworfener knallroter, aus Rundungen komponierter "Tomato Chair", der nun auf einem Podest der Ausstellung zu sehen ist, sind Beispiele dafür.

Die Affinität zwischen Comic und Design lässt sich indes schon früher, ja bis an die Anfänge des Genres zurückverfolgen. Dahinter steht nicht zuletzt eine Parallele: Der Comic nutzt subtile, aber klare Codes, um eine Atmosphäre, einen sozialen Status oder ein Gefühl schnell und pointiert zu vermitteln. Diese Reduktion entspricht im Prinzip der Arbeit des Designs, das Form und Funktion in eine möglichst griffige Balance zu bringen versucht. Eine dynamische Figur auf einen Eames Lounge Chair etwa ist leicht als Vertreter der Moderne zu identifizieren, während sich die Ablehnung des 1938 aus Stahlrohr und Stoff kreierten "Butterfly Chair", wie sie der Protagonist des Ende der 50er Jahre beliebten Comics "Moomin" pflegt, diesen unschwer als Traditionalisten erkennbar macht.

Dieses erhellende Spiel mit Chiffren und Symbolen sowie das damit entstehende Wechselspiel beleuchten die Exponate der Schau punktuell aber in großem Bogen. Das beginnt mit Winsor McCays Geschichte über die Abenteuer eines träumenden Jungen "Little Nemo in Sumberland" vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die Hochkultur und das Landleben mit Rückgriffen auf bekanntes Design persiflierte. Dazu gehört auch der als Hergé bekannte Belgier Georges Remi, der für seinen Besteller-Comic "Abenteuer von Tim Struppi" schon Mitte der 1930er Jahre Mies van der Rohes Freischwinger MR10 rezipierte. Dazu gehören auch die seit den späten 30er-Jahren populären Superman-Stories, in denen ein vorne biederer auf der Rückseite aber schriller Bürostuhl das Doppelleben Clark Kents als unscheinbarer Reporter und heldenhafter Kämpfer gegen Böses signalisierte.

Bei jüngeren Generationen verschieben sich die Grenzen zwischen Comic und Design weiter – etwa im Werk des Spaniers Javier Mariscal, der nicht nur mit Comics reüssiert, sondern auch humorvolle Möbelstücke kreiert wie den ausgestellten Mickey Mouse Chair "Garriris", der den Comic ins Design holt. Weitere Spots greifen noch aktuellere Phänomene auf – den in den 90er Jahren aufgekommen Trend zur Graphic Novel oder Spezielles wie die japanische Manga-Kultur: Eine Schau, die bislang kaum beleuchtete Wechselwirkungen von Design und Comic illustriert und das Schaudepot nebenbei in ein unterhaltsames Comic-Szenario verwandelt.

Vitra Schaudepot. Bis 22. Oktober, täglich 10 –18 Uhr, Weil, Charles Eames Straße.