Ökologie

Das Sinken des Grundwasserspiegels wird zu dramatischen Schäden führen

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mo, 14. Oktober 2019 um 11:22 Uhr

Freiburg

Der Sonntag Eine Freiburger Studie kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Weltweit wird das Grundwasser knapp. Viele an Flussläufen gelegene Ökosysteme könnten bis 2050 zusammenbrechen.

Hydrologie ist die Lehre, die sich mit Wasser auf und um die Erde herum befasst. So gesehen hat Inge de Graaf, Hydrologin an der Uni Freiburg, mit ihrer neuesten Studie ihrer Berufsbezeichnung alle Ehre gemacht. "Wir haben ein globales Modell entwickelt, dass an Großcomputern fast den gesamten Wasserkreislauf berechnet." Mit ihrem Modell hat die promovierte Hydrologin analysiert, wie viel Grundwasser Menschen weltweit in den letzten Jahrzehnten entnommen haben und wie viel durch Regen nachgeflossen ist. Damit hat sie nach ihren Angaben erstmalig den Zusammenhang von Grund- und Oberflächenwasser berechnet.

Häufig wird mehr Grundwasser abgepumpt, als Regen fällt

Grundwasser ist die weltweit größte Süßwasserressource und daher von großer Bedeutung für die Produktion von Nahrungsmitteln. Besonders angewiesen auf das Grundwasser sind Regionen, in denen wenig Oberflächenwasser zur Verfügung steht. Weil aber in den vergangenen Jahrzehnten dort immer mehr Grundwasser gefördert wurde, ist der Grundwasserspiegel mancherorts bereits dramatisch gesunken. Die Krux: Häufig wird mehr Grundwasser abgepumpt, als Regen fällt.

In ihrem Modell simuliert de Graaf Grundwasser und Flussläufe als vernetzte Systeme und demonstriert so die Auswirkungen der Grundwasserförderung. Dabei berechnet sie die Strömung des Grundwassers zu Bächen und Flüssen auf der ganzen Welt. Ergänzt sie ihr Modell um Folgen des Klimawandels, wie ein Anstieg der Temperatur oder lange Dürreperioden, kann sie nach ihren Angaben genaue Aussagen über die Entwicklung in der Zukunft treffen.

Pflanzen und Tiere sterben, Landwirtschaften brechen zusammen

Die Ergebnisse sind bedenklich. In Regionen auf der ganzen Welt, in denen seit den 1960er Jahren regelmäßig Grundwasser abgepumpt wird, ist bis 2050 mit ernsten ökologischen Schäden zu rechnen. Auch wenn Deutschland sowohl heute als auch in den kommenden hundert Jahren voraussichtlich keine Probleme bekommen wird, da genügend Regen fällt, sind die Folgen in anderen Weltregionen bereits jetzt spürbar. "Betroffen sind der Mittlere Westen der USA und das Indus-Becken-Projekt zwischen Afghanistan und Pakistan." In rund 20 Prozent der weltweiten Abflussgebiete sei eine kritische Schwelle bereits überschritten.

"Was wir heute tun, bekommen wir in zehn bis 20 Jahren zu spüren. Das ist eine tickende Zeitbombe." Inge de Graaf
"Fördern wir weiter so viel Grundwasser wie bisher, wird es auch in Teilen Süd- und Mitteleuropas wie Portugal, Spanien und Italien kritisch. Und auch in einigen nordafrikanischen Ländern." Bis 2050 sollen zwischen 42 und 79 Prozent der Regionen mit Grundwasserförderung ihre Grenzwerte erreicht haben. "Der Klimawandel wird das noch beschleunigen. Im Moment sind wir relativ sicher, dass die heutigen Ökosysteme nicht überleben." Brunnen laufen leer, Pflanzen und Tiere sterben, Landwirtschaften brechen zusammen.

De Graaf warnt, sich nicht täuschen zu lassen. Oft dauere es lange, bis die Folgen der Grundwasserentnahme zu sehen sind. "Was wir heute tun, bekommen wir in zehn bis 20 Jahren zu spüren. Das ist eine tickende Zeitbombe." Zur Panik rät de Graaf nicht. "Es ist immer noch genug Zeit, den Grundwasserverbrauch zu reduzieren und in Forschung darüber zu investieren, wie sich Ökosysteme wieder erholen oder Landwirtschaften mit geringeren Wassermengen auskommen können." "Artificial recharge", heißt das im Fachjargon, das Hauptthema von de Graafs aktuellem Forschungsprojekt.



Mehr zum Thema: