Das System wackelt

dpa

Von dpa

Fr, 15. Mai 2020

Radsport

Der Radsport ist stark von Sponsorengeldern abhängig / Überleben alle Rennställe die Krise?.

BERLIN (dpa). Am 29. August soll die Tour de France in Nizza losrollen. So lautet der Plan der Radsport-Branche. Ob es dann zu großen Einschränkungen kommt, ist für die Teams zweitrangig. Das französische Nationalheiligtum darf nicht fallen, sonst droht einer ganzen Branche der Kollaps.

Die Auswirkungen der Pandemie sind jetzt schon gravierend. Bei mehr als 25 Prozent der 19 World-Tour-Teams wurden die Gehälter bereits gekürzt. "Wir wissen, dass drei, vier, fünf Mannschaften mehr Schwierigkeiten haben als andere. Wir hoffen, dass alle Teams die Saison beenden können", sagt Weltverbandschef David Lappartient.

Vor allem der CCC-Rennstall, für den auch der frühere deutsche Tour-Etappengewinner Simon Geschke, der in Freiburg lebt, sowie Olympiasieger Greg van Avermaet fahren, befindet sich arg in Schieflage. Das Management der Schuhgeschäfte-Kette überlegt, sich aus dem Sponsoring zurückzuziehen. Alle Mitarbeiter aus dem Betreuerstab mussten bis auf wenige Ausnahmen freigestellt und die Fahrer-Gehälter stark gekürzt werden. Von bis zu 80 Prozent ist die Rede. Teamchef Jim Ochowicz hofft, alle Mitarbeiter wieder einstellen zu können, wenn es am 1. August zum Neustart kommen soll. Auch bei den Rennställen Mitchelton-Scott, Bahrain-McLaren, Astana und Lotto-Soudal ging es nicht ohne Gehaltskürzungen. Das Frauen-Team Bigla-Katusha steht gar vor dem sofortigen Aus, weil beide Geldgeber nicht mehr zahlen.

Die beiden deutschen Mannschaften Bora-hansgrohe und Sunweb sind bislang nicht betroffen. Das überrascht vor allem im zweiten Fall, ist der Geldgeber doch in der Tourismusbranche tätig. "Allerdings ist unser Hauptsponsor Sunweb glücklicherweise ein sehr gesundes Unternehmen", sagte Teamchef Iwan Spekenbrink. Auch Bora-Teamchef Ralph Denk freut sich, dass die Geldgeber ihn nicht im Stich lassen.

Den beiden Managern ist aber bewusst, dass der finanzielle Druck auf den Radsport zunehmen wird. Denn in der Krise treten die Schwachpunkte des Systems offen zu Tage. Alles basiert auf zahlungskräftigen Sponsoren. Antritts- sowie Siegprämien – der Gesamtsieg bei der Tour bringt gerade einmal 500 000 Euro ein – sind kaum der Rede wert. Und Zuschauereinnahmen gibt es nicht. Kein Wunder, dass Denk kein Problem mit einer Geister-Tour hätte. So ist für den Geschäftsmann aus Bayern die Rechnung einfach: "Wenn wir keine Tour de France fahren, wird die Wirtschaft voraussichtlich so stocken wie jetzt oder noch mehr. Desto kleiner sind die Sponsoringtöpfe."

Die Leidtragenden sind am Ende die Fahrer. Sollte es in dieser Saison tatsächlich zu Team-Schließungen kommen, bleibt nur ein kleiner Rettungsschirm. Denn die Mannschaften müssen bei der Lizenzierung eine Bankgarantie von drei Monatsgehältern für die Angestellten als Sicherheit hinterlegen. Darauf will die UCI aber noch nicht zurückgreifen. "Wir wollen Lösungen innerhalb der Teams finden, bevor wir Garantien aktivieren", erklärt Lappartient.