Erpel im Stadtgarten

Das Unerklärliche begreifbar machen

Peter Kalchthaler

Von Peter Kalchthaler (Freiburg)

Mo, 22. Februar 2021

Leserbriefe Freiburg

Zum Leserbrief "Diese Skulptur ist ein besonderes Mahnmal für den Umgang der Stadt mit ihrer Geschichte" (BZ vom 11. Februar) meldet sich Freiburgs Stadthistoriker zu Wort.

Als Reaktion auf den Bericht zur Restaurierung des Erpels im Freiburger Stadtgarten hat Andreas Venzke das Mahnmal als Beispiel für ein "steingewordenes Bekenntnis zur Lüge" eingestuft. Dies kann nicht unwidersprochen bleiben.

Von "Geschichtsvergessenheit" kann durchaus die Rede sein, jedoch nicht in Bezug auf den Erpel, sondern auf die Geschichte des Denkmals selbst. Es ist keineswegs als offizielles Denkmal entstanden, es befand sich nie in der Innenstadt und wurde nicht von dort "in den Stadtgarten verbannt", weil man es als "unangenehm" empfunden hätte und sich davon distanzieren wollte. Alles ist ausgeführt in Ute Scherbs Buch "Wir bekommen die Denkmäler, die wir verdienen" über die Freiburger Monumente, im Jahr 2005 vom Stadtarchiv herausgegeben. Einziges offizielles Mahnmal der Stadt für die Opfer des Bombenkriegs ist das künstlerisch gestaltete Massengrab vor der Einsegnungshalle auf dem Hauptfriedhof – an dessen Konzeption der damalige Freiburger Oberbürgermeister Wolfgang Hoffmann maßgeblich beteiligt war.

Der Erpel hingegen war ein persönliches Geschenk dieses OB an die Bürgerschaft. Hoffmann steht wohl kaum im Verdacht, "Geschichtsklitterung" befördert zu haben. Ihm, der in der NS-Zeit am eigenen Leib politische Verfolgung und Haft erlebt hatte, waren die Hintergründe der Zerstörung als Folge eines verbrecherischen Systems sehr bewusst. Hoffmann nahm eine der vielen Legenden auf, die im Umfeld der Bombardierung vom 27. November 1944 kursierten. Für die Geschichte des Erpels gibt es zwar keinerlei Zeitzeugen oder Belege, aber sie kursierte in großen Teilen der Bevölkerung – genau wie die völlig unbewiesene, aber bis heute immer wieder geäußerte Behauptung, das Münster sei vor der Bombardierung mit speziellen Leuchtkörpern ("Christbäumen") ausgeleuchtet worden, um es zu schonen. Solcherlei moderne Legenden sind überall zu finden. Angesichts von Katastrophen suchen die Menschen oft, das Unerklärliche begreifbar zu machen. OB Hoffmann hat das Schicksal des Erpels als Tatsache genommen und wollte dem Tier als "erstem Opfer" des Bombardements im Stadtgarten ein Denkmal setzen. Er hat die qualitätvolle Skulptur in Kandern bei dem Keramiker Richard Bampi – Bauhausschüler und wichtiger Künstler der Moderne – in Auftrag gegeben. Der Sockel trägt die von Hoffmann ausgewählte Inschrift: "Die Kreatur Gottes klagt, klagt an und mahnt – 27. 11. 1944". In seiner Rede zur Übergabe des Erpels am 27. November 1953 hat er Täter, Ursache und Wirkung angesprochen. Wieder einmal wünsche ich mir in einer solchen Debatte mehr Sorgfalt im Umgang mit historischen Tatsachen und den Respekt vor Gedanken und Meinungen in der Entstehungszeit von Denkmälern – da neigen wir Heutigen oft zu einer gewissen Überheblichkeit. Als Ausdruck einer bestimmten Zeit – in diesem Fall sogar persönlicher Betroffenheit – bleiben solche Monumente im Wortsinn Denk-Mäler, auch wenn man manches aus gegenwärtiger Sicht anders beurteilt. Verschwinden solche Denk-Mäler, enden auch Nachdenken und Diskussion: "Aus den Augen – aus dem Sinn".

Peter Kalchthaler, Freiburg