Corona-Massnahmen

Das Virus ist keine hinreichende Rechtfertigung für die meisten Maßnahmen

Rainer Brunner

Von Rainer Brunner (Freiburg)

Sa, 19. September 2020

Leserbriefe

Zu: "Weniger Corona-Fälle im Wochenvergleich", Agenturbeitrag (Politik, 31. August)
Laut Robert Koch Institut (RKI) sind Stand 16. September gut 19 000 Corona-Infektionen in Deutschland bekannt. Das sind bei einer Gesamtbevölkerung von 83 Millionen etwa 0,02 Prozent, selbst eine zehnmal so hohe Dunkelziffer angenommen, käme man über 0,2 Prozent nicht hinaus. Ausweislich RKI sind im Juni 473 Menschen im Zusammenhang mit Corona gestorben, im Juli 200, im August 167. Das sind keine Zahlen, die in einem Land, in dem jeden Monat knapp 20 000 Menschen an Krebs und fast 30 000 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sterben, irgendwen über Gebühr beunruhigen müssten.

Mit dem starken Fokus auf die Zahl der Neuinfizierten ignoriert man den Unterschied zwischen der Gefährlichkeit, die von einem Ereignis ausgeht, und der Gefahr, dass es eintritt. Das ist keine Wortklauberei, sondern darauf beruht unter anderem unsere gesamte Versicherungswirtschaft. Jedes Feuer, das plötzlich ausbricht, ist brandgefährlich, die Gefahr oder die Wahrscheinlichkeit, dass ein Feuer plötzlich ausbricht, ist dagegen überschaubar. Wäre es anders, könnte sich niemand eine Brandschutzversicherung leisten. Die Gefährlichkeit des Bisses einer Giftschlange ist über die Maßen groß; die Gefahr, in unseren Breiten von einer Giftschlange gebissen zu werden, ist über die Maßen gering. Die Gefahr einer Ansteckung mit Corona mag deutlich größer sein als die Gefahr, von einer Schlange gebissen zu werden, die Gefährlichkeit des Virus ist jedenfalls deutlich geringer als die eines Schlangenbisses.

Es ist keine hinreichende Rechtfertigung für die meisten Maßnahmen der letzten Monate und die Art, wie darüber polemisiert wird. Darum ist es auch keine demokratische Zumutung, wie Frau Merkel behauptet. Denn das Virus ist unpolitisch, es hat weder Schulen geschlossen und eine Maskenpflicht verordnet, noch hat es eine Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen und Urteile über die Dinge (Epiktet).Rainer Brunner, Freiburg