Denken in Bildern

Dietrich Roeschmann

Von Dietrich Roeschmann

Sa, 24. Oktober 2020

Literatur & Vorträge

Aby Warburgs "Mnemosyne".

Der Kunsthistoriker Aby Warburg hinterließ eine kulturwissenschaftliche Bibliothek von 60 000 Bänden. Sie bildete den Grundstock eines Forschungsfeldes, das er abseits des akademischen Kanons seiner Zeit entwickelte: die Ikonologie. Er beschäftigte sich mit den Spuren der Antike in der Renaissance. Er beobachtete, wie visuelle Signaturen durch die Jahrhunderte migrierten und fragte sich, ob sich daraus eine universelle Grammatik kultureller Ausdrucksformen ableiten ließe. Auf großen Tafeln stellte er Reproduktionen von Kunstwerken aus Büchern und Zeitschriften zusammen, flankiert von Zeitungsfotos, Briefmarken- und Anzeigenmotiven.

In den letzten fünf Jahren seines Lebens entstand daraus sein berühmter Bilderatlas "Mnemosyne". Die 63 Tafeln des unvollendet gebliebenen Projekts gelten als erstes Manifest eines Denkens in Bildern und damit als eine Art Gründungsdokument der zeitgenössischen Kunst. Warburgs Methode ist längst Praxis, Kunstschaffende wie Gerhard Richter, Peter Piller, Camille Henrot oder Henrik Oleson haben daraus ganze Werkgruppen entwickelt. Bislang lag Warburgs Bilderatlas "Mnemosyne" lediglich in Schwarzweiß-Fotos vor. Im Rahmen eines Forschungsprojekts in Zusammenarbeit mit dem Londoner Warburg Institute haben die Kunstwissenschaftler Axel Heil und Roberto Ohrt die Originaltafeln dieses legendären Bildgedächtnisses für einen opulenten Bildband und eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt rekonstruiert.

Aby Warburg: Bilderatlas Mnemosyne. (Engl.) Hatje Cantz Verlag, Berlin 2020. 184 S., 200 Euro. Ausstellung bis 30. November.