Reise

Deppendorf, Einsamkeit, Pups: Kuriose Ortsnamen, die schmunzeln lassen

Bernd F. Meier  & Ronja Vattes

Von Bernd F. Meier (dpa) & Ronja Vattes

Sa, 20. Februar 2021 um 17:30 Uhr

Reise

Kotzen, Pissen und Brasilien an der Ostsee: Kuriose Ortsnamen sorgen für Stirnrunzeln, Heiterkeit oder ziehen mitunter unliebsame Gäste an. Doch manche sind auch eine Reise wert.

Was haben ein Kaff in Oberösterreich, ein abgelegener Ort auf den Lofoten, zwei Strände in Schleswig-Holstein und ein kleiner Ortsteil in Schweden gemeinsam? Ihre Namen sorgen für Erheiterung. Nicht jeder Ortsname ist so sprechend wie Heringsdorf oder so klangvoll wie Rio de Janeiro. Manche wecken anzügliche Assoziationen, falsche Hoffnung oder sind denkbar kurz. Sie ziehen Spott auf sich oder sorgen für Verwunderung. Und manch einer dieser kuriosen Flecken lohnt sich sogar als Reiseziel.

Sie hatten genug: Aus Fucking wurde Fugging

Irgendwann hatten sie in dem kleinen Ort in Oberösterreich die Nase gestrichen voll. Vom nächtlichen Schilderklau und von britischen Bustouristen, die nur in den winzigen Weiler reisten, um vor dem Ortsschild für ein paar Fotos zu posieren. "Fucking" stand dort.

Mochte der Name seit 1070 belegt sein und auf den Adelsmann Adalpert von Vucckingen zurückgehen – ganz egal. Es sollte Schluss sein mit lustig und dem anstößigen F-Wort. Durch den Beschluss des Gemeinderates vom 17. November 2020 wurde Fucking zum 1. Januar 2021 kurzerhand in Fugging umbenannt. Auf britische Bustouristen werden die rund 100 Fugginger nun wohl leichten Herzens verzichten. Sonst gibt es leider keine bedeutenden Sightseeing-Höhepunkte.

Freilich kann es weiterhin vorkommen, dass Fremde sich ins Dorf verirren, nicht auf der Suche nach Fucking, sondern nach dem zweiten, dem anderen Fugging. Das liegt in Niederösterreich, im Bezirk St. Pölten-Land, rund 250 Kilometer weiter östlich.

Endgültig Schluss: In Å enden alle Wege

Im norwegischen Alphabet folgen auf die 26 Schriftzeichen noch Æ, Ø und – ganz am Ende – das Å. In Å auf den Lofoten wartet daher kein Anfang, wie beim A in unserem Alphabet, sondern ein Abschluss: Die Europastraße 10 endet hier, unspektakulär an einem Parkplatz. Das Ende aller Straßen, aber nicht das Ende der Welt: Rund 100 Einwohner leben permanent in Å – und zwar vom Dorschfang ab Januar und von Touristen in der sommerlichen Hauptsaison im Juli und August.

Wer mehr über den Fischfang wissen will, besucht in Å das Stockfischmuseum und erfährt so gut wie alles über Norwegens ältestes Exportprodukt. "Si vende stoccafisso" steht dort auf Italienisch an der Hauswand. Ein Hinweis auf die enge Verbundenheit zwischen den Lofoten und italienischen Fischfreunden. Viele Tonnen getrockneten Dorsches werden als Stockfisch nach Italien exportiert – eine Delikatesse. So gibt es 16 verschiedene Qualitätsstufen.

Die Europastraße 10 bietet Stoff für ein großartiges Roadmovie, sie führt über zehn Brücken und durch zwölf Tunnel. Wer an der Ostsee in Luleå beginnt und in Å ankommt, ist 880 Kilometer gereist. Eine Tour für Freunde skandinavischer Weite. Anfangs geht es durch die endlosen Wälder der schwedischen Provinz Norrbotten, dann vorüber an der Erzstadt Kiruna, dem Torneträsk-See und Björkliden mit einem der nördlichsten Golfplätze der Welt, schließlich über Riksgränsen hinein nach Norwegen ins Land der Fjorde.

Fernweh: Brasilien, Kalifornien, Weitewelt

Von Brasilia, Hauptstadt von Brasilien, bis zur kalifornischen Hauptstadt Sacramento dauert die Flugreise mindestens 20 Stunden. In Schleswig-Holstein sind es nur fünf Minuten – zu Fuß.

Brasilien und Kalifornien sind benachbarte Ortsteile von Schönberg im Kreis Plön. Den Erzählungen nach ist der Name Kalifornien an der Ostseeküste einem Fischer zu verdanken. Um 1735 soll der Mann dort Wrackteile eines gestrandeten Segelbootes entdeckt haben. Die morsche Schiffsplanke mit der Aufschrift "California" – mutmaßlich der Name des Schiffes – nagelte er an seine Haustüre.

Das rief einen neidvollen Nachbarn auf den Plan: Brasilien nannte der Mann fortan seine Kate. Gut gekontert, denn daraus entwickelten sich die beiden Schönberger Strandabschnitte.

Es sind nicht die einzigen ungewöhnlichen Orts- und Straßennamen in dem Bundesland zwischen Nordsee und Ostsee. Auf der Halbinsel Nordstrand liegt England. Nach Russland biegt man in Holzdorf ab, an der Bundesstraße 203 zwischen Eckernförde und Kappeln. Dann wären da noch Schweden, Kamerun, Bali, Sibirien und Grönland – hoch im Norden geht es in die weite Welt hinaus. Folgerichtig ist daher ein Ort namens Weitewelt – in der Gemeinde Seedorf, Kreis Seegeberg.

Hauptsache Ruhe: Ensamheten in Schweden

Wer mit Google Earth die Einsamkeit sucht, der wird in der Provinz Västerbotten in Schweden fündig. Zugegeben, man muss das schwedische Wort eingeben: Ensamhet. So landet der Nutzer bei Ensamheten. Diese Einsamkeit wird irgendwo im Nirgendwo der weiten Wälder zwischen Norsjö, dem Fluss Vindelälven und Lycksele verortet.

Ensamheten haben auch wir, sagen sie in der 5900 Einwohner zählenden Gemeinde Storuman, gut 150 Kilometer südwestlich, zwei Autostunden durch die Wildnis. Diese Einsamkeit ist nur zehn Kilometer vom Ortszentrum Storuman entfernt und damit nicht so ganz abgeschieden: Ensamheten hat acht Einwohner, ein Dutzend Häuser und ist Heimat einer durchaus besonderen Sportlerin.

Elfmal zwischen 1999 und 2014 errang Heidi Andersson den Weltmeistertitel im Armbrytning (Armwrestling). Dazu kamen etliche Silber- und Bronzemedaillen bei weiteren Wettbewerben. Andersson ist seit 2006 verheiratet mit dem schwedischen Biathlon-Olympiasieger Björn Ferry (Vancouver 2010). Mit ihrem Sohn Dante leben sie in Storuman und engagieren sich in der Umwelt- und Klimaschutzbewegung.
Lust auf mehr? Unsere Buchtipps:

Merkwürdige Städtenamen, mysteriöse Orte, seltsame Naturphänomene oder Meisterwerke der Architektur: Wir haben ein paar Buchtipps zum Staunen zusammengestellt.

Seltsame Namen

Wie glücklich die Einwohner des badischen Sexau ob ihres anzüglich klingenden Ortsnamens sind, ist bislang nicht fundiert untersucht. Aber wir dürfen mutmaßen, dass sie weit weniger leiden, als so manch andere Bürgerinnen und Bürger Deutschlands. Wer wohnt schon gerne in Kotzen, Pissen, im Weiler Klobach (inzwischen Haarbach), Brömsenknöll, Mauken oder auf einem Einzelgehöft namens Pups? Einen Atlas der 999 seltsamen Ortsnamen haben Stephan Hormes und Silke Peust in Form einer Faltkarte zusammengestellt. Sie nehmen uns grafisch mit auf eine ungewöhnliche wie amüsante Reise vom unterirdischen Bierdorf Posemuckel über Hundeluft bis nach Deppendorf. Ein nettes Gadget,das sich als großformatige Klolektüre, als Wandposter oder einfach bloß zum Schmunzeln eignet.

Stephan Hormes, Silke Peust: Atlas der 999 seltsamen Ortsnamen. Kalimedia Verlag, 2010, 7 Euro

Mysteriöse Plätze

Seitdem es Google Earth, Wikipedia sowie Portale wie Trip-Advisor gibt, scheint die Welt kaum noch Überraschungen für Reisende bereitzuhalten. Alles ist vorher anklickbar, ranzoombar und sowieso schon von Hinz und Kunz bewertet. Das mit dem echten Reisen klappt in der Corona-Pandemie derzeit sowieso nicht so richtig, umso interessanter ist es da, sich auf eine absonderliche Abenteuerreise im Buchformat zu begeben: Der Atlas Obscura ist eine Wunderkammer, in die man sich einschließen kann, um dem Alltag zu entfliehen und von Seite zu Seite tiefer einzutauchen in Skurrilitäten, Absurditäten, Phänomene und Meisterwerke von Mensch und Natur. Das wird geschichts- und geografiebeflissene Leserinnen und Leser nicht völlig zufriedenstellen, berichtet das Autorenteam doch in sehr kurzen Häppchen über Merkwürdigkeiten von A wie Antarktis bis Z wie Zimbabwe. Aber für alle, die sich gerne wundern und faszinieren lassen, ist das ein reicher Schatz – mit leider manchmal fotografisch auch etwas abstoßenderen Details.

Joshua Foer, Ella Morton, Dylan Thuras: Atlas Obscura. Übersetzerin:
Kristin Lohmann (et al.). Mosaik Verlag, 2017, 480 Seiten, 34 Euro

Merkwürdige Orte

Der Autor ist Wissenschaftler, das sollte man bedenken. Wer viele Bilder und wenig Text erwartet, liegt fehl. Alastair Bonnett nimmt Interessierte mit auf die Spuren von Mikronationen, bizarren Grenzverläufen, taucht ein in unterirdische Labyrinthe und beschreibt Inseln, die im Gangesdelta auftauchen und wieder verschwinden oder das gleiche Spiel auf Satellitenbildern treiben wie Sandy Island vor der australischen Küste. Weitere Protagonisten sind: verlassene Meeresplattformen, Geisterstädte oder schwimmende Mülllandschaften.

Alastair Bonnett: Die seltsamsten Orte der Welt. Übersetzer: Andreas Wirthensohn. C.H. Beck Verlag, 2019, 296 S., 14,95 Euro