Der Affenmord am Kap und seine Folgen

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Di, 27. April 2021

Ausland

In Südafrika sorgte eine Gruppe von Pavianen für Unruhe / Nun wurde der Anführer der Affenbande getötet – aber die Diskussionen gehen weiter.

Mit Vorverurteilungen muss man in diesem Fall vorsichtig sein. Die Kapstädter haben ein schwieriges Jahr hinter sich: Von aller Welt abgeschnitten fühlen sich die Ureinwohner der Touristenperle fast unerträglich einsam. Ihr unterhaltsames Alltagsleben ist aufs Rumlungern reduziert, die Nerven lagen blank. Und dann auch noch Philemon! Der Gangster macht schon seit Jahren die hinterm Tafelberg gelegenen Vororte unsicher.

Ein Geselle mittleren Alters, der die Nächte mit Seinesgleichen in den Bergen verbringt – und sich tagsüber mit seiner Horde über die unten am Meer gelegenen Siedlungen hermacht. Die Bande streift dann durch Küchen, Vorratskammern und räumt Mülleimer aus: Wer sich ihr in den Weg stellt, bekommt bedrohlich lange Zähne zu sehen. Philemon stand in besonders schlechtem Ruf: Der Rabauke soll in den vergangenen Monaten mehr als 40 Mal die Siedlungen am Meer mit seiner Truppe heimgesucht haben.

Mike Gibson aus Murdock Valley South hatte schließlich die Nase voll. Er kontaktierte seinen Gemeinderat Simon Liell-Cock, um ihn zum Handeln zu bewegen: Philemon, der Pavian, muss weg! Da man einen Affen auch in Südafrika nicht einfach so umbringen kann, mussten Liell-Cock und Gibson den Amtsweg einschlagen und erst einmal bei der Stadtverwaltung eine Petition einreichen.

Zur Begründung ihres Antrags auf die Todesstrafe für Philemon führten die beiden außer der von dem Pavian direkt ausgehenden Gefahr auch seinen schlechten Einfluss auf die anderen Hordenmitglieder an – und spielten schließlich noch ihren Trumpf aus: Philemon könne auch als Überträger des Coronavirus lebensgefährlich werden. Vor allem Letzteres muss den Stadtvätern und -müttern eingeleuchtet haben: Jedenfalls erklärten sie sich unverzüglich zur Ausschaltung des Störenfrieds bereit.

Die Stadtverwaltung gibt bereits stattliche Summen für die Eindämmung der tierischen Gefahr aus. In den vom Pavian bedrohten Stadtteilen wurden hauptamtliche Affenwärter angestellt, die die wüsten Horden in Schach halten sollen. Bei Philemon, der auf Deutsch ganz unpassend "der Freundliche" heißt, war jedoch jede Mühe vergebens. Er soll sich partout nicht von seinen Raubzügen abbringen lassen haben. Also beauftragte die Stadtverwaltung einen "unabhängigen" Tierarzt, dessen Name hier besser nicht genannt wird, der Philemon mit einem Schuss aus dem Betäubungsgewehr erst ruhigstellte und schließlich um die Ecke brachte.

Für Chantal Luyt kam die Nachricht von Philemons Tod wie "eine Bombe aus heiterem Himmel". Luyt war jahrelang als die vom Stadtrat von Smitswinkel ernannte "Repräsentantin der Pavian-Vorstädte" tätig und hatte bereits im vergangenen Jahr ein Attentat auf Philemon verhindert. Die Vorstellung, ein einzelner Tunichtgut könne eine ganze Affenbande zu schlechtem Benehmen verführen, sei unter Pavianforschern unhaltbar, will Luyt wissen: "Die werden sehen, dass die Überfälle nach Philemons Tod unvermindert weitergehen." Die Beutezüge seien vielmehr den zweibeinigen Siedlern zuzuschreiben. Würden diese ihre Haustüren und Mülleimer besser sichern, kämen die affigen Razzien bald zu einem Ende.

Philemons Tod löste in den sozialen Netzwerken einen Sturm der Entrüstung aus. "Warum wird ein unschuldiger Affe getötet, nur weil dieser tut, was seiner Natur entspricht?", will Pat Parks auf Facebook wissen. Und Jenni Trethowen, Gründerin der Organisation "Baboon Matters", empört sich auf derselben Plattform: "Es ist immer dasselbe: Ein paar wütende und intolerante Leute schreien und stampfen mit den Füssen – und die ’Entscheidungsträger’ gehorchen."

Wetten, dass Philemon noch am Leben wäre, hätte sich Mike Gibson um das Wohl seiner Gäste kümmern müssen, statt sich über die Umtriebe der Affenbande ereifern zu müssen? Für die Touristen wäre der Besuch der Paviane dann womöglich einer der Höhepunkte ihres Urlaubs am Kap der zerstörten Hoffnung gewesen.