Hass und Hetze

Der Antisemitismus wurde reaktiviert, sagt Jan Wysocki

Stefan Ammann

Von Stefan Ammann

Sa, 22. Juni 2019 um 15:00 Uhr

Schopfheim

Jan Wysocki ist Fachreferent für Antisemitismus und weiß, wie man Judenhass am besten begegnen sollte. Am Dienstag spricht er in Schopfheim.

Antisemitismus sei kein neues Phänomen, doch tobe der der Hass und die Hetze in den letzten Jahren immer enthemmter durch das Internet. Auch auf der Straße würden Juden verbal und körperlich angegriffen, sagt Jan Wysocki. Der Fachreferent für Antisemitismus beim Staatsministerium in Stuttgart hält am Dienstag in Fahrnau einen Vortag zum Thema "Antisemitismus und Rassismus in Baden-Württemberg". Stefan Ammann hat vorab mit Jan Wysocki über den Hass auf Juden und was man dagegen tun kann gesprochen.

BZ: Herr Wysocki, lassen sie uns mit einer steilen These einsteigen: Antisemitismus, ist das nicht vor allem ein ostdeutsches Phänomen?

Wysocki: Auch wenn medial Ostdeutschland im Fokus steht, dürfen wir nicht vergessen, dass Antisemitismus leider auch Teil unseres Alltags in Baden-Württemberg ist. Das sehen wir ganz klar an Studien, die wir teilweise auch von der Landesregierung in Auftrag gegeben haben. Die zeigen, dass antisemitische Einstellungen bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung vorliegen. Ganz geschlossene antisemitische Einstellungen wirken bei etwa fünf Prozent der Bevölkerung in Baden-Württemberg.

" Das sind ganz krasse Angriffe, die Jüdinnen und Juden in ihrem Sicherheitsgefühl destabilisieren und damit die ganze Gesellschaft angreifen."

BZ: Wie äußern sich solche Einstellungen?

Wysocki: Da haben wir auf der einen Seite klare antisemitische Angriffe, körperlich und verbal, wenn zum Beispiel ein Kippaträger durch die Stadt läuft und mit den üblichen antisemitischen Klischees beleidigt oder tätlich angegriffen wird. So äußert sich das in der extremsten Form. Wir hatten im Europawahlkampf auch ganz klassische antisemitische Hetze bei den Wahlplakaten der Partei "Die Rechte". Vor der Synagoge in Pforzheim ist die Partei mit einem Lautsprecherwagen vorgefahren und hat dort Aussagen einer verurteilten Holocaust-Leugnerin abgespielt. Das sind ganz krasse Angriffe, die Jüdinnen und Juden in ihrem Sicherheitsgefühl destabilisieren und damit die ganze Gesellschaft angreifen. Auf der anderen Seite gibt es die ganz alltäglichen Ressentiments, die von vielen mitgetragen werden. Beispielsweise: Juden hätten zu viel Macht.
Zur Person: Jan Wysocki ist Fachreferent für Antisemitismus beim Staatsministerium in Stuttgart. Der 32-Jährige hat in Heidelberg Religionswissenschaft studiert.

BZ: Hat Antisemitismus in den letzten Jahren zugenommen oder wird er nur verstärkt wahrgenommen?

Wysocki: Sicherlich beides. Er wird auf jeden Fall auch durch eine verstärkte Sensibilisierung deutlicher. Wenn man mit offenen Augen durch den Alltag geht, erkennt man natürlich leichter antisemitische Ressentiments. Aber wir haben auch festgestellt, dass antisemitische Einstellungen wieder vermehrt reaktiviert werden, wenn Verunsicherung in der Bevölkerung da ist – beispielsweise durch die Finanzkrise. Auch durch das Erstarken der AfD werden plötzlich Sachen wieder sagbar, von denen man nie gedacht hätte, dass sie jemals wieder sagbar wären. Da sehen wir ein Potential, das sich in den letzten Jahren wieder reaktiviert hat.

Wir gehen nicht davon aus, dass es mehr Antisemiten gibt, aber es gibt eine Minderheit, die plötzlich wieder lautstark geworden ist. Das gilt vor allem auch im Internet. Bei Twitter, Facebook oder in Youtube-Kommentaren ist Hetze gegen Juden gang und gäbe.

Vor allem im Umfeld von Verschwörungsmythen. Von einer lautstarken Minderheit wird hier kolportiert, dass Juden mit irgendwelchen dunklen Mächten im Bunde seien.

"Wir haben bemerkt, dass es nicht einfach ausreicht, Antisemitismus zu verteufeln und schon wäre das Problem gelöst."

BZ: Was kann man gegen Antisemitismus tun?

Wysocki: Wir versuchen aufzuklären. Wir gehen an ganz unterschiedliche Orte in Baden-Württemberg: An Schulen, Kirchen, Moscheevereinen, bei Parteien oder auch in der Verwaltung veranstalten wir Diskussionen. Da wird versucht den Menschen klar zu machen, was Antisemitismus heute bedeutet. Es ist ganz wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Wir haben bemerkt, dass es nicht einfach ausreicht, Antisemitismus zu verteufeln und schon wäre das Problem gelöst. Man muss darüber reden, was für Klischees und Stereotype vorherrschen. Das muss man gemeinsam ansprechen und darauf hinweisen, dass es keine Grundlage für diese Ressentiments oder Verschwörungsgedanken gibt. Leute die ein ganz geschlossenes, verschwörungsgläubiges Weltbild haben zu erreichen, ist natürlich schwer. Wir versuchen, mit Menschen zu reden, die wir abholen können. Daneben ist natürlich auch ganz entscheidend, den Schutz und die Polizeipräsenz bei jüdischen Einrichtungen zu gewährleisten. Wir müssen sicherstellen, dass Betroffene die juristische und auch psychologische Hilfe erhalten, die sie benötigen. Daher bauen wir auch gerade ein Online-Meldesystem auf, bei dem man antisemitische Vorfälle melden kann, woraufhin Betroffene professionelle Unterstützung erhalten.
Vortrag

Jan Wysocki spricht am Dienstag, 25. Juni, 20 Uhr, im evangelischen Gemeindehaus (Gerberstr. 4a) in Fahrnau zum Thema "Antisemitismus und Rassismus in Baden-Württemberg heute". Eintritt frei, Spenden willkommen. Der Anlass für den Vortrag seien "die aktuellen Debatte und Vorkommnisse". Immer mehr Elemente antisemitischer Verschwörungsmythen würden sich in im Internet, in Musik und selbst in Äußerungen von Abgeordneten feststellen lassen. Die Angst vor einer jüdischen "Umvolkung" oder einer demographischen "Islamisierung" sei gerade in sozialen Netzwerken spürbar.