Dilemma

Der Bioweinbau leidet besonders unter den Klimaveränderungen – und soll doch ausgebaut werden

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 12. September 2021 um 13:01 Uhr

Südwest

Der Sonntag Der konventielle Weinbau in Baden ist wohl noch glimpflich durch das Jahr der Wetterextreme gekommen. Der Bioweinbau hat dagegen stark gelitten. Wie kann da die ökologische Wende gelingen?

Der Weinbau in Baden ist nach jetzigen Prognosen mit einem blauen Auge durch das Jahr der Wetterextreme gekommen. Trotz vieler Schadensmeldungen hat der Weinbauverband in dieser Woche eine ordentliche Erntemenge von 90 Millionen Liter vorhergesagt. Der Weg in eine Zukunft mit mehr Bio und weniger Pestiziden dürfte aber schwierig werden.

Der Klimawandel ist im Weinbau in Südbaden allgegenwärtig. Manche Sorten wie der Riesling verschwinden allmählich aus dem Sortiment, weil die zur Aroma- und Säurebildung kühlen Nächte im Spätsommer immer seltener werden. Selbst das Flaggschiff des Kaiserstuhls, der Grauburgunder, könnte eines Tages zu den Klimaverlierern gehören. Dafür etablieren sich neue Sorten, bei denen in der Vergangenheit die Sonnentage nördlich der Alpen nicht ausreichten, um die Trauben zur Reife zu bringen.

Wetterextreme bringen Herausforderungen

Auf Dürren stellt sich der Weinbau in einigen seiner Lagen schon länger ein, späte Frostnächte gehören mittlerweile ebenso zum Risikorepertoire wie neue Schädlinge und Pflanzenkrankheiten. In diesem Jahr sind Niederschlagsextreme hinzugekommen. Der nasse Boden erschwerte nicht nur die Arbeit in den Reben, der beständige Regen sorgte auch für eine Ausbreitung der Pilzkrankheit Peronospora, wie sie der Weinbau hierzulande noch nicht erlebt hat.

Gemessen an der dennoch ordentlichen Erntemenge, ist der Weinbau im Durchschnitt noch glimpflich davon gekommen. Dies gilt aber nicht für die Bioweinanbau. Und das könnte für das Land und den Weinbau zum Problem werden. Denn im 2020 erlassenen Biodiversitätsgesetz hat sich die Landesregierung darauf festgelegt, bis zum Ende des Jahrzehnts 30 bis 40 Prozent des Weinbaus im Südwesten auf Biobetrieb umzustellen und selbst weiterhin konventionell wirtschaftende Winzer sollen in diesem Zeitraum ihren Pestizidverbrauch um 40 bis 50 Prozent reduzieren.

Bereits das ebenfalls von einem starken Pilzbefall geprägte Jahr 2016 hatte die Biobranche aufgrund der Ernteeinbußen in eine tiefe Krise gestürzt. Etliche Winzer, die auf Bio umstellen wollten, machten einen Rückzieher. Der Eichstetter Biowinzer Martin Schmidt vom gleichnamigen Weingut spricht auch in diesem Jahr von einem "Riesenrückschlag" für den Bioanbau. In seinem Weingut rechnet Schmidt mit einem 50-prozentigen Ertragsausfall. In einem Jahr könne er das verkraften. Der Schaden dürfte sich aber nicht wiederholen.

Wie kann die ökologische Wende gelingen?

Der konventionelle Anbau hingegen konnte sich mit in noch kürzerer Abfolge verspritzten Fungiziden schützen und die Ausfälle dadurch gering halten. Da stellt sich die Frage, wie die ökologische Wende gelingen kann.

Am besten nicht mit Verboten. Diese Linie hat Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) bei seinem Besuch der traditionellen Herbstpressekonferenz des Badischen Weinbauverbands in dieser Woche in Müllheim-Britzingen bekräftigt. Hauk ließ anklingen, dass er auch das just an diesem Tag ergangene Verbot von Glyphosat in Naturschutzgebieten, Biotopen, in Teilen der Landwirtschaft und in Privatgärten kritisch sieht. Statt auf Verbote setzt der Agrarminister auf die Forschung.

So unterstützt die Landesregierung seit diesem Jahr die Vermarktung von pilzwiderstandsfähigen Sorten (Piwis). Diese Neuzüchtungen sind gegen Pilzbefall zwar nicht immun, doch robuster als die konventionellen Sorten. Bislang mieden Erzeuger die Piwis, weil sie beim Verbraucher kaum bekannt sind und sich somit im Lebensmittelhandel schlecht vermarkten lassen. Die Erfahrung mit dem Regent, eine in der Pfalz gezüchtete pilzresistente Rotweinsorte, ist vielen noch in Erinnerung. Vor 20 Jahren setzten etliche Winzer ihre Hoffnung auf den Regent, die Verbraucher zogen aber nicht mit. Inzwischen weiß man, dass ohne entsprechendes Marketing neue Sorten nur schwer zu verkaufen sind. Noch schwieriger wird die Vermarktung, wenn immer wieder neue Sorten mit noch effizienterem Schutz in den Verkauf kommen – so wie dies bei Piwis der Fall ist.

Doch dafür liegt jetzt ein Konzept vor

Künftig soll die Herkunft des Weins und der Erzeuger statt die Weinsorte beworben werden – so wie man es aus den großen, südeuropäischen Anbaugebieten kennt. Das neue Bezeichnungsrecht, das vorschreibt, was auf dem Etikett stehen darf und was nicht, kommt dem entgegen. So lassen sich Cuvées aus mehreren Piwi-Sorten leichter vermarkten. Erzeugernamen und Herkunft stehen dann für eine bestimmte Stilistik. Wie man damit Erfolg haben kann, zeigen die großen Weinanbauländer wie Italien und Frankreich. Welche Sorten etwa in einem "Bordeaux" oder einem "Chateauneuf-du-Pape" enthalten sind, steht auf keinem Etikett und Verbraucher dürfte dies auch nur mäßig interessieren.

Anders verhält es sich im Direktverkauf ab Weingut oder Winzergenossenschaft. Im direkten Gespräch mit Kunden lassen sich auch neue Sorten verkaufen. Weingüter wie das von Andreas Dilger in Freiburg stellen dies unter Beweis. Dilger hat nur Piwis im Angebot. Es wird viel davon abhängen, ob Erzeuger und Verbraucher mitziehen.

Holger Klein, der stellvertretende Geschäftsführer des Badischen Weinbauverbands, stellt aber klar, dass die Piwis die traditionellen Sorten ergänzen und nicht ersetzen sollen. Spätburgunder werde man in Baden noch sehr lange anbauen, betont Klein.