Kritik

"Der Fall Collini": Ein Politdrama mit Mainstream-Kino-Methoden

Martin Schwickert

Von Martin Schwickert

Do, 18. April 2019 um 19:30 Uhr

Kino

Marco Kreuzpaintner hat Ferdinand von Schirachs Roman "Der Fall Collini" verfilmt. Sein Versuch, ein Politdrama mit den Mitteln des Mainstream-Kinos zu inszenieren, führt zu einem zwiespältigen Ergebnis.

Vollkommen overdressed erscheint der junge Anwalt zu seinem ersten Prozesstermin. Während Richter und Staatsanwalt salopp in Freizeitkleidung warten, schneit Caspar Leinen zur vorgerichtlichen Verhandlung verspätet mit wehender Robe herein. Das Missgeschick sorgt für arrogante Kommentare bei den Kollegen – und für Sympathiepunkte beim Kinopublikum. Schließlich wird der Nachwuchs-Advokat von keinem Geringeren als Elyas M’Barek gespielt, der seit "Fack Ju Göhte" als beliebtester Schauspieler des deutschen Films gilt. Ein wenig von dem Outlaw-Image, das er sich als Ersatzlehrer Zeki Müller aufgebaut hat, trägt er anfangs auch in die Rolle des unerfahrenen Juristen mit hinein.



Es ist Caspars erster Fall als Pflichtverteidiger, und der hat es in sich. Der Italiener Fabrizo Collini (Franco Nero) wird des Mordes angeklagt. Die Beweislast ist erdrückend. Der Angeklagte, der 20 Jahre lang als unbescholtener Arbeiter in Deutschland gelebt hat, verweigert jegliche Aussage. Erst nachdem er die Verteidigung des Mandanten übernommen hat, erfährt Caspar, wer der Ermordete ist: der Industrielle Hans Mayer (Manfred Zapatka) – der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara), bei dem er schon als Kind ein- und aus gegangen ist.

Zum Abitur hat der generöse Herr Caspar seinen alten Mercedes geschenkt, und ohne die Hilfe der reichen Familie hätte es der Sohn einer alleinerziehenden türkischen Mutter wohl nie zum Juristen gebracht. Trotzdem hält er an dem Pflichtmandat fest und zieht damit nicht nur Johannas Zorn auf sich, sondern auch einen Fall an sich, der eng mit einem deutschen Kriegsverbrechen verknüpft ist.



"Der Fall Collini" ist die Verfilmung des gleichnamigen Bestseller-Romans von Ferdinand von Schirach. Der schriftstellernde Jurist arbeitete hier in literarischer Form und nüchternem Stil einen der größten Justizskandale der BRD auf. Nach dem sogenannten Dreher-Gesetz, das 1968 vom Bundestag verabschiedet wurde, galten die tödlichen Verbrechen nationalsozialistischer Befehlsempfänger nicht mehr als Mord, sondern nur noch als Totschlag. Durch den juristischen Kniff konnten die Taten von tausenden Nazi-Verbrechern nach dem Ablauf der 20-jährigen Verjährungsfrist nicht mehr geahndet werden.

Geschichtsstunde im Mainstream-Format

"Der Fall Collini" verhandelt nun aus dem retrospektiven Blick des Jahres 2001 die Vergeltungsaktion eines Opfers, das als Kind mit ansehen musste, wie der eigene Vater von der SS ermordet wurde. Da das deutsche Rechtssystem für Collini keine Gerechtigkeitsoptionen bot, nimmt er das Recht selbst in die Hand.

Der 1977 im bayerischen Rosenheim geborene Regisseur und Drehbuchautor Marco Kreuzpaintner ("Stadtlandliebe", "Die Wolke", "Trade – Willkommen in Amerika","Krabat") inszeniert diesen diesen klassischen Widerspruch zwischen Recht und Gerechtigkeit nach einem Drehbuch von Christian Zübert, Robert Gold und Jens-Frederic Otto als geradliniges Justizdrama, das mit zunehmender Recherchearbeit immer neue Facetten des scheinbar eindeutigen Falles aufdeckt.

Dabei geht er engagiert, aber auch wenig subtil zur Sache und versucht mit M’Barek als Zugpferd der jüngeren Zuschauergeneration die juristischen Folgewirkungen des Nationalsozialismus nahe zu bringen. Ein Thema, das vor 20 Jahren in Form eines trockenen Politschulfilms behandelt worden wäre, wird hier ins große Mainstream-Format aufgeblasen.

Das führt zu einigen dramaturgischen Überdeutlichkeiten und wenig widersprüchlichen Figurencharakterisierungen. Dass Manfred Zapatka mehr als nur einen generösen Industriellen und liebenden Großvater spielt, ahnt man schon wenige Sekunden nach seinem ersten Auftritt, und Heiner Lauterbach darf sich ausführlich an der eindimensionalen Darstellung des korrupten Nebenklägeranwalts weiden. Direkt ins Register des peinlichen Pathos greift der omnipräsente, übersteuerte Soundtrack, und auch der Rückblende, in der die Liquidation der italienischen Dorfbewohner durch sadistische SS-Schergen gezeigt wird, fehlt es an der notwendigen Sensibilität.

Mit den Mitteln des Unterhaltungskinos ein historisch-politisches Bewusstsein zu schaffen: Das ist eine große Kunst, die Kreuzpaintner leider nur unvollständig beherrscht.
"Der Fall Collini" (Regie: Marco Kreuzpaintner) läuft flächendeckend. Ab 12 Jahren.