Ganz stille schnelle Post

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Sa, 12. September 2015

Bildung & Wissen

BZ-SERIE HELLE KÖPFE (24): Der Informatiker Peter Fischer untersucht die Verbreitung von Nachrichten im Netz /.

Dass er es mal zum Grimme-Online-Award bringen wird, ist eher nicht zu erwarten: Als Nutzer des Kurznachrichtendienstes Twitter beschreibt sich Peter Fischer als "typischen passiven Leser". Sein aktives "Zwitschern" geht über ein paar spärliche berufliche Informationen nicht hinaus. Mit 55 Followern hält sich der Kreis der Interessierten denn auch in Grenzen. "Ich wäre gar nicht prominent genug, um wirklich Einfluss auszuüben", sagt der 38 Jahre alte Juniorprofessor am Institut für Informatik der Freiburger Universität, der sich unter anderem mit den Nutzerrollen bei der Verbreitung von Nachrichten in den sozialen Medien beschäftigt.

US-Präsident Barack Obama beispielsweise mit seinen 56 Millionen Followern hat da zweifellos andere Möglichkeiten. Andererseits: Die Feministin Anne Wizorek kannten auch nicht so viele – bis sie Anfang 2013 nach einem Stern-Artikel über angebliche sexistische Äußerungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle das Hashtag #Aufschrei ins Leben rief. Innerhalb von sechs Tagen löste sie damit eine Kaskade von 57 000 Tweets und eine breit geführte Debatte über den alltäglichen Sexismus in dieser Gesellschaft aus, was mit einem Grimmepreis belohnt wurde. Die sozialen Medien, sagt Fischer, "sind ein Resonanzboden für Trends und Stimmungen".

Er selbst hat sich, ist zu vermuten, inhaltlich an der Aufschrei-Debatte nicht beteiligt. "Ich bin eher ein nüchterner Typ", charakterisiert er sich selbst. Dafür sprechen die schmucklosen Wände in seinem Büro: keine agitatorischen Plakate, nicht einmal Bilder von seinen fünf und sieben Jahre alten Töchtern. Stattdessen ein Schreibtisch, beladen mit zwei großen Bildschirmen und einem Laptop sowie jede Menge Kabel, die von der hohen Decke des ehemaligen Kasernengebäudes bis zum kunstvoll verlegten alten Parkettboden geführt werden.

Dabei hätte seine klassische humanistische Bildung mit Latein und Griechisch ihn durchaus auch in eine andere berufliche Zukunft katapultieren können. Geschichte etwa sei ein Fach gewesen, mit dem er geliebäugelt habe. Lehrer aber habe er nicht werden wollen. So ist der vielseitig interessierte Mann auf die Informatik gekommen: "Damit kann man am ehesten etwas machen."

Zum Beispiel herausfinden, auf welchen Wegen sich Informationen im Onlinezeitalter verbreiten, wer sie in die Welt setzt, wer sie aufgreift und weiterträgt. Nachrichten, Gerüchte, Meinungen, Kommentare im Kurzformat: Einmal in die digitale Umlaufbahn entlassen, können sie sich wie ein Virus in Windeseile verbreiten. Und die Welt kann dabei eine andere werden. Im sogenannten arabischen Frühling – aus dem leider ein kalter Winter wurde – haben sich, wie Fischer weiß, viele Aktivisten sozialer Medien bedient, um sich zu organisieren.

Allein über Twitter werden täglich 500 Millionen Nachrichten auf die Menschheit losgelassen. Wer will da noch unterscheiden können, was von Belang ist? "Wir müssen Werkzeuge bauen, um mehr Transparenz in den sozialen Medien zu schaffen."

Die Arbeit des Juniorprofessors gleicht der von Epidemiologen, die die Verbreitungswege von Krankheiten erforschen. Dabei ist der technische Blick des Informatikers gefragt, der die komplexen Vorgänge in Algorithmen übersetzen, die abstrakten Muster dahinter erkennen und präzise im Modell darstellen kann. Auf dem Gang im Flur vor Fischers Büro findet man sie auf einem Plakat abgebildet.

Als an dieser Stelle vor mehr als hundert Jahren noch die badische Armee ihre Befehle bellte, dürften einfachere Kommunikationsstrukturen vorherrschend gewesen sein. Die auf den Plakaten analysierten Informationskaskaden der sozialen Medien ergießen sich in Netzwerke aus Knoten (Benutzer) und Kanten (die Verbindungen zwischen ihnen) und zeigen die Dynamik des komplizierten Beziehungsgeflechts, das die Fachleute soziale Graphen nennen.

Da findet sich etwa ein winziger kaum wahrnehmbarer roter Punkt umgeben von Abertausenden blauen: Der rote hat gerade eine Nachricht abgesondert.

Die amorphe Masse um ihn herum lässt sich immer weiter abstrahieren, Nutzergruppen werden identifiziert, ein Muster aus immer dickeren Knoten und den Verbindungen dazwischen entsteht. Laien könnten sich an die Synapsenbildung im Gehirn erinnert fühlen.

"Alles Standardmathematik", sagt Fischer. Er und sein Team greifen gern auf die Daten des Kurznachrichtendienstes Twitter zurück. "Der ist aus Forschersicht interessant, weil er uns die Informationen zur Verfügung stellt, wer jeweils mit wem verbunden ist." Die Experten berechnen die Bewegungen im Netz in Echtzeit, noch "während es passiert. Das können wir besonders gut."

Nicht selten braut sich dabei ein Sturm im Wasserglas zusammen. Stars und Sternchen wie Katy Perry mit ihren fast 75 Millionen Followern können ihn mit einem belanglosen öffentlichen Hüsteln auslösen: Die Fans leiten es weiter. "So was flammt auf wie eine Wunderkerze und fällt ganz schnell wieder in sich zusammen", weiß Fischer. Die Kurven, die er dazu aufgezeichnet hat, erklimmen innerhalb von ein bis zwei Tagen schwindelnde Höhen und stürzen in kürzester Zeit wieder ab wie bei einem Börsencrash. Innerhalb weniger Stunden ist alles nur noch Schnee von gestern. Weniger bekannte Menschen, die möglicherweise wirklich Wichtiges zu sagen haben, haben es da schwerer, sich eine Gefolgschaft zu verschaffen. "Die Verbreitungswege sind länger." Die Wirkung dafür aber häufig nachhaltiger.

Für Journalisten, davon ist Peter Fischer überzeugt, können seine grundlegenden Forschungen von Nutzen sein. Sie könnten helfen herauszufinden: Welche Informationen aus der Flut der Nachrichtenströme sind bloße Gerüchte und Eintagsfliegen? Welche sind relevant und es wert, weiterverbreitet zu werden? Die Rolle der Journalisten innerhalb der sozialen Medien vergleicht der Professor mit der eines Korrespondenten, der Informationen aufgreift, bewertet und weiterverbreitet. "Er gibt ihnen Glaubwürdigkeit."

So schaffte es das Hashtag #ThisIsACoup kürzlich in der Schlussphase der Brüsseler Verhandlungen über das dritte Rettungspaket für Griechenland in kürzester Zeit nach ganz oben auf die Hitliste der Twitter-Stichworte, was Angela Merkel und Wolfgang Schäuble gar nicht gefallen haben dürfte. Weltweit empörte sich die Netzgemeinde über einen angeblichen Umsturzversuch der Bundesregierung in Griechenland. Mit ihren harten Sparauflagen wolle sie das Land nur demütigen und seinen Ministerpräsidenten aus dem Amt putschen. Auch in den Printmedien fand das Hashtag breite Aufmerksamkeit. Spiegel und Guardian fanden heraus, dass es auf eine in Spanien gestartete Kampagne zurückging.

Fischer und sein Team sind kein Geheimdienst. "Für uns ist es nicht so spannend, die Einzelnutzer zu identifizieren." Für Polizei und Geheimdienste hingegen kann eine entsprechende Datenauswertung zum nützlichen Werkzeug werden. In Afghanistan und Irak, weiß Fischer, wurden die Kommunikationsdaten von Menschen gesammelt, um herauszufinden, wer ihre Anführer in kriegerischen Auseinandersetzungen sind. "Den Geist kriegt man nicht mehr in die Flasche zurück", so der junge Professor. "Die Daten werden gesammelt."

Es hänge, sagt Fischer, vom Nutzer ab, wie das Instrumentarium angewendet werde. Die Schufa etwa hat laut Fischer vor Jahren versucht, die sozialen Netzwerke auszuwerten, um die Kreditwürdigkeit von Personen zu beurteilen – was an rechtliche Grenzen gestoßen sei. "In vielen Ländern, wo das Bankwesen sich erst entwickelt, ist das Verfahren aber gang und gäbe."

Er kann sich an den Besuch eines syrischen Kollegen erinnern: Als der die von Fischer erstellten Folien sah, habe er eine Gänsehaut bekommen und sich ausgemalt, was das Assad-Regime alles damit anstellen könnte, um seine Gegner zu identifizieren und mundtot zu machen.