Der lange Abschied von der Atomkraft

Klaus Riexinger Julia Jacob

Von Klaus Riexinger Julia Jacob

So, 29. Dezember 2019

Südwest

Der Sonntag In sieben Wochen beginnt die Stilllegung des AKW Fessenheim – Die Demontage dauert 20 Jahre.

Klaus Riexinger
Julia Jacob
Lange, sehr lange hat die Region auf diese Terminankündigung warten müssen: Die Électricité de France (EDF) schaltet in sieben Wochen Reaktor eins des Atomkraftwerks Fessenheim ab, gut vier Monate später, am 30. Juni, folgt Reaktor zwei. Damit geht das älteste Atomkraftwerk Frankreichs nach 43 Jahren Betrieb vom Netz. In kaum einem anderen Thema ist sich die Politik in Südbaden so einig wie in der Ablehnung des maroden AKW, das immer wieder durch Pannen auf sich aufmerksam gemacht hat. Das Regierungspräsidium Freiburg hat zuletzt sogar einen Katastrophenplan in Auftrag gegeben für den Fall, dass es in Fessenheim doch noch zum Atomunfall kommt. Ein unvorstellbares Szenario, für das es bis heute keine Lösung gibt: Wie evakuiert man innerhalb von 48 Stunden eine ganze Region?

Mit dem Abschalten der beiden Reaktorblöcke im kommenden Jahr ist die Gefahr einer radioaktiven Verseuchung zwar nicht gebannt, aber doch erheblich vermindert. "Das ist kein Vergleich mehr mit der Gefahr, die vom Betrieb ausgeht", sagt Christian Küppers, Experte für Reaktorsicherheit beim Öko-Institut in Darmstadt, der sich intensiv mit dem AKW Fessenheim beschäftigt hat. Eine Kernschmelze sei dann nicht mehr möglich, sagt Küppers. Eine Gefahr gehe aber weiterhin von dem schlecht geschützten Abklingbecken mit den Brennelementen aus. Bei einem Flugzeugabsturz etwa könnte radioaktives Kühlwasser in die Atmosphäre entweichen.

Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und Klaus Schüle, der Leiter der Stabsstelle für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Europa im Regierungspräsidium, ließen sich vom Betreiber EDF bei einer Sitzung der Überwachungskommission Clis im Oktober in Colmar erklären, wie die Notwasserversorgung für das Abklingbecken funktioniert und warum die hochradioaktiven Brennstäbe noch drei Jahre lang im AKW lagern müssen. "Die Erklärung der EDF war sachlich und glaubwürdig", sagt Schüle, "die Brennstäbe müssen noch drei Jahre in Fessenheim bleiben. Aber keinen Tag länger." Erst 2023 sei die Wärmeentwicklung so weit abgeklungen, dass die Brennstäbe ausgebaut und vermutlich in die Wiederaufarbeitungsanlage nach La Hague in der Normandie transportiert werden können. Anschließend werden die Kühlbecken geleert und der Kühlkreislauf dekontaminiert. Ein Teil dieser Arbeiten muss mit Robotern unter Wasser ausgeführt werden. Nach dem Abschluss dieser "einleitenden Phase" sollen 99,9 Prozent der Radioaktivität aus Fessenheim verschwunden sein. So lange muss das Regierungspräsidium in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Amt für Brand- und Katastrophenschutz weiter an den Notfallplänen zur Evakuierung arbeiten. Jodtabletten für die Bevölkerung müssten die Behörden allerdings nur bis zum Abschalten der beiden Reaktoren im kommenden Jahr vorhalten, sagt Küppers.

Das derzeitige Strategiepapier der EDF zum Rückbau des Atomkraftwerks umfasst 59 Seiten. Es beschreibt in groben Schritten, wie aus dem 73 Hektar großen Gelände am Rheinufer mit etlichen technischen Gebäuden, einem Umspannwerk, Kühlbecken und den beiden Reaktorgebäuden Brachland entstehen soll. Nachzulesen ist der Fahrplan für den Atomausstieg auf der Internetseite der Clis. 180 000 Tonnen Material müssen abgetragen und entsorgt werden. Das meiste davon, etwa 94 Prozent, sind Beton und Stahl. Stahl und andere Metalle will der hochverschuldete Energiekonzern recyceln und verkaufen. Der nuklear unbelastete Bauschutt – rund 156 000 Tonnen – soll nach den Plänen der EDF am Standort Fessenheim sortiert, gereinigt und weiterverwertet werden. 10 500 Tonnen mit schwach und mittelschwach radioaktivem Schutt können ebenso wie die 13 500 Tonnen sehr schwach kontaminiertes Material nach französischem Recht "oberflächennah" deponiert werden. Im Gespräch ist das Département Aube in der Champagne. Die dortige Lagerstätte werde wie eine Abfalldeponie betrieben, sagt Klaus Schüle. Für die bis zu 2 000 Tonnen hochradioaktives Material des Reaktorbehälters wird eine Endlagerung in einem tiefen Bergwerk bei Bure im Département Meuse im Nordosten Frankreichs geprüft.

Dass die EDF recycelten Beton als Füllmasse auf das Fundament, das im Boden verbleiben soll, schütten will, stößt bei Atomkraftgegnern auf heftige Kritik, wie bei der Clis-Sitzung im Oktober deutlich wurde. Dabei muss sich der Betreiber nach den Freigabewerten für radioaktive Strahlung der EU richten. Kontaminierte Teile dürften nicht zurückgelassen werden, sagt Küppers. Die oft zitierte "grüne Wiese" an Stelle des AKW wird es vermutlich aber nicht geben.

Ob die EDF ihren Rückbau so wie geplant umsetzen darf, entscheidet die französische Atomaufsicht ASN im Herbst. Derzeit werden die Pläne geprüft.

Wie mühsam und langwierig der Abschied von einem Atomkraftwerk ist, zeigt das Beispiel Fessenheim eindrücklich. Fünf Jahre dauert es, den eigentlichen Rückbau der Anlage vorzubereiten. Für den braucht es dann weitere 15 Jahre. Die französische Atomaufsicht ASN verlangt vom Betreiber dafür einen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Antrag, der alle eventuellen Gefahren berücksichtigt, die so eine Demontage mit sich bringt. Alleine zwei bis drei Jahre sind veranschlagt, um das Dossier auszuarbeiten. Bislang eingegangen bei der ASN ist lediglich die Absichtserklärung der EDF, den Meiler vom Netz zu nehmen, nicht aber der Antrag auf Abbau.

Die Energiewende ist auch in Frankreich politisch motiviert. Bis 2035 soll der Atomstromanteil, so hat es Präsident Emmanuel Macron angekündigt, von aktuell 75 Prozent auf 50 Prozent gesenkt werden, was der Stilllegung von 14 der 58 im Betrieb befindlichen Atomkraftwerke entspricht. Im gleichen Maß soll der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangetrieben werden. Der Rückbau Fessenheims im kommenden Jahr ist für Frankreich ein Pilotprojekt. Bislang wurde dort – im Gegensatz zu Deutschland – noch nie eine Anlage komplett demontiert.

Während in Fessenheim die letzten Kilowattstunden Atomstrom produziert werden, kommt der "Post-Fessenheim-Prozess" immer mehr in Schwung. Anfang Dezember gab es in Berlin einen deutsch-französischen Workshop unter Beteiligung von Brigitte Klinkert, Präsidentin des elsässischen Départementsrates Haut-Rhin, Vertretern des Regierungspräsidiums, des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und des European Campus um die Universitäten Freiburg und Straßburg. Dabei wurde überlegt, welche weiteren gemeinsamen Projekte neben dem deutsch-französischen Wirtschafts- und Innovationspark, der Wiederinbetriebnahme der seit 1945 unterbrochenen Bahnlinie Colmar und Freiburg sowie der Sonderförderung für Photovoltaik in Angriff genommen werden können. Wie groß der Gewerbepark werden soll, steht noch nicht fest. Auf dem Platz des jetzigen Atomkraftwerks ist ein Energieumspannwerk für den deutsch-französischen Stromaustausch geplant. Eine Fabrik für Photovoltaik-Module ist weiter im Gespräch.

Sechs deutsche Beteiligungen am privatwirtschaftlich-öffentlichen Gewerbepark gibt es bereits: Der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald, die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein sowie die Kommunen Freiburg, Breisach, Bad Krozingen und Hartheim haben sich mit jeweils 20 000 Euro beteiligt. Weitere Interessenten haben sich gemeldet. "Vor dem Hintergrund der schwierigen Diskussion um das Atomkraftwerk ist das fast ein kleines Wunder, wie gut das läuft", sagt Klaus Schüle.