23-facher Grammy-Gewinner

Der legendäre Jazz-Pianist Chick Corea ist gestorben

Thomas Steiner

Von Thomas Steiner

Fr, 12. Februar 2021 um 10:27 Uhr

Rock & Pop

Er war ein Mann der vielen Stile: Der Jazzpianist Chick Corea ist gestorben. Beim Freiburger ZMF hatte er mit einer großen Latin-Jazz-Band vor zwei Jahren noch einen umjubelten Auftritt gehabt.

1980 war er das erste Mal und gleich zwei Mal in Freiburg gewesen: erst in der Stadthalle im Duo mit Gary Burton, dann solo bei einem von Alexander Heislers "Jazz im Audimax"-Konzerten. Drei Jahrzehnte später, im Sommer 2019, dann hatte Chick Corea einen großen Auftritt beim Zelt-Musik-Festival. Auf der großen Bühne des Zirkuszeltes zelebrierte er noch einmal den Stil, mit dem er seine Karriere begonnen hatte.

In Chelsea, Massachussetts, als Sohn eines Bandleaders geboren, hattte der Italo-Amerikaner Armando Anthony Corea, wie er mit Geburtsnamen heißt, mit vier Jahren Klavier zu spielen begonnen und sich klassische Musik und Piano-Jazz angeeignet. 1960 ging er ins Musikmekka New York und fand bald Aufnahme in die Latin-Jazz-Szene. In den Bands von Mongo Santamaria, Willie Bobo und Cal Tjader verdiente er sein erstes Geld. Im Latin Jazz verband sich damals südamerikanische Rhythmik und Harmonik mit nordamerikanischer Improvisationskultur zu einem Genre von großer Vitalität.

Dabei aber blieb es nicht. Bei weitem nicht. Denn eine der künstlerischen Eigenschaften, die Chick Corea auszeichneten, war seine Stilvielfalt. Unermüdlich produzierend, in immer neuen Besetzungen hat er in mehr als fünf Jahrzehnten an die hundert Alben eingespielt. Der Electric Jazz war einer der Hauptstränge. Nachdem Corea beim Pionier Miles Davis mitgespielt hatte, gründete er eigene Formationen.

Synthese aus lyrischem Spiel und virtuoser Geschwindigkeit

Mit "Return To Forever" brachte er das Genre zu voller dynamischer Blüte, auch Rockfans goutierten diese Musik mit ihren E-Gitarren und Synthesizern. Später gründete Corea dann die Elektric Band, es gab aber auch eine Akoustic Band. Dem klassischen Jazz widmete er sich ebenfalls immer wieder, so in legendären Duo-Piano-Konzerten mit dem Co-Star Herbie Hancock. Auch die Klassik suchte er immer wieder auf, spielte von ihm komponierte Klavierkonzerte mit dem London Phiharmonic Orchestra oder dem Bayerischen Kammerorchester. Und zwischendurch gab es ein Album mit dem Banjo-Spieler (!) Béla Fleck.

Wenn man nach dem künstlerischen Kern in diesem Chamäleon-haften Schaffen sucht, dann war es vielleicht der, dass lyrisches Spiel und virtuose Geschwindigkeit bei Corea eine Synthese eingingen. Auf der Suche nach Spiritualität, wie andere Jazzer sie unternahmen, war er nicht. Nicht die eigene Tiefe, sondern der Austausch, die Kommunikation mit anderen war ihm wichtig.
"Meine größte Freude ist es, wenn die Band lächelt." Chick Corea

Es sei das Zusammenspiel, schrieb er im Booklet seines nun letzten Albums, was Musik ausmacht: "Meine größte Freude ist es, wenn die Band lächelt." Dafür suchte er sich immer Musiker, die mit seiner eigenen Spieltechnik mithalten konnten.

Vielleicht war es dieser Wesenszug von Virtuosität, der ihn auch zur Scientology brachte, der Techno-Religion von L. Ron Hubbard. Ihm dankte Corea in den Credits zu allen Alben, er spielte auf dessen eigener Veröffentlichung "Space Jazz: The Soundtrack of the Book Battlefield Earth" mit und vertonte seine Science-Fiction-Phantasien auf dem Album "To The Stars". Das, ohne den Hintergrund gehört, einmal mehr großartigen E-Jazz bot.

Wenn die Band Spaß hat, lächelt auch das Publikum

Ansteckungsgefahr gab es da eigentlich nicht, trotzdem geriet Corea kurze Zeit seiner Religion wegen in einen Bann. Als es um Scientology und ihre in der Tat verwerflichen Sektenpraktiken eine Zeitlang in Deutschland heftige Auseinandersetzungen gab, strich 1993 die Landesregierung Baden-Württemberg die Subventionen für einen Auftritt von Corea im Rahmen der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Stuttgart. Eine Klage Coreas blieb vergeblich. Und die ganze Aufregung verebbte wieder.

2019, da war er schon 78, kam Corea auf den Latin- und Flamenco-Jazz einer seiner legendärsten Veröffentlichungen, "My Spanish Heart", zurück. "Antidote" hieß das Album, mit dem er auch das ZMF beehrte. Das große Ensemble mit Musikern aus der internationalen Crème de la crème genoss den Auftritt sichtlich, das dichte rhythmische Geflecht und die melodischen Soli wurden noch getoppt von den kraftvollen Zwischenauftritten des Flamenco-Tänzers Nino de los Reyes. "Ich weiß, wenn die Band lächelt und wir Spaß haben, dann wird auch das Publikum lächeln," hatte Corea im Booklet des Albums weiter geschrieben.

In Freiburg lächelte das Publikum nicht nur, es jubelte. Chick Corea inmitten seiner Männer freute es. Am vergangenen Dienstag ist er, wie jetzt bekannt wurde, an einer erst vor kurzem diagnostizierten Krebserkrankung gestorben.

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