Der soziale Impuls Rudolf Steiners sollte uns gerade jetzt sehr viel Wert sein

Christina Singer

Von Christina Singer (Freiburg)

Mo, 30. November 2020

Leserbriefe Freiburg

Zum Artikel "Da braut sich was zusammen", BZ vom 19. November.

Dass sich acht Menschen unter dem unseriös wirkenden Motto "FreiSein Freiburg Shopping Gang" zusammentun, ohne Maske den Quartiersladen Vauban betreten und die Geschäftsführerinnen auf aggressive Weise bedrängen, ist empörend. Dass dabei auch "Heil Hitler" gerufen wird, ist verstörend. Dass es sich dabei teilweise um Kunden handelt, ist irritierend, deutet aber auf ein Phänomen hin, das wir aktuell häufig erleben: Menschen aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Bereichen tun sich zusammen, um alternative Perspektiven auf das Virus Sars-CoV-2 und den gesellschaftlichen Umgang damit zu äußern.

So entstehen Veranstaltungen, die inhaltlich und personell sehr vielschichtig sind. Aufgabe seriöser Berichterstattung ist es, diese Vielschichtigkeit abzubilden. Wenn von Journalisten Verschwörung, Esoterik, Antisemitismus und Rechtsextremismus in einem Atemzug genannt werden, ist das eine Verkürzung, die absurde inhaltliche Verknüpfungen hervorruft. Nicht weniger problematisch ist es, Begriffspaare zu bilden, die nichts miteinander zu tun haben. Durch die Formulierung "anthroposophische Ideologie" (Zitat Altstadtrat Müller) wird suggeriert, dass die Anthroposophie ein in sich geschlossenes, womöglich radikalisierendes Wertesystem sei. Doch damit nicht genug: Im gleichen Satz formuliert Müller "antisemitische Anklänge". Es ist erschreckend, dies aus dem Mund eines Kommunalpolitikers zu hören, der es besser wissen müsste: Das anthroposophische Menschen- und Weltverständnis prägt in vielerlei Hinsicht das gesellschaftliche Zusammenleben in Freiburg. Der soziale Impuls Rudolf Steiners sollte uns gerade jetzt sehr viel Wert sein.

Christina Singer, Freiburg und Sibylle Springer, Merzhausen