Archäologie

Der Steinacker bei Müllheim ist ein Hotspot für die Steinzeit-Forschung

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Di, 09. August 2022 um 16:10 Uhr

Müllheim

Für die Erforschung der Altsteinzeit haben die archäologischen Grabungen am Steinacker bei Müllheim immer mehr an Bedeutung gewonnen. Sogar ein wissenschaftliches Netzwerk ist entstanden.

Die Erforschung der Lebensweise unserer Vorfahren in der Steinzeit ist eine faszinierende, aber auch mühsame Aufgabe. In den vergangenen Jahren hat sich immer mehr herausgestellt, wie wertvoll diesbezüglich die archäologische Fundstätte am Steinacker auf Gemarkung des Müllheimer Ortsteils Feldberg ist. Mit akribischer Detektivarbeit unter Beteiligung verschiedener Experten wurde bereits eine Menge herausgefunden. Ginge es nach den Forschern, dann sollte es eine Fortsetzung der Grabungen im großen Stil geben.

Für Laien ist Steinzeit-Archäologie zunächst einmal kaum greifbar. Während aus dem Mittelalter oder selbst der Antike Funde wie Mauerreste oder Überbleibsel von Gefäßen die Vergangenheit wenigstens ein Stück weit anschaulich werden lassen, beschäftigen sich Steinzeit-Archäologen mit Artefakten, die Außenstehende vermutlich gar nicht mal als etwas Besonderes wahrnehmen würden: Steinzeitliche Klingen, Projektilspitzen oder Werkzeuge zur Herstellung von Jagdwaffen sehen auf den ersten Blick oft so aus wie normales Gestein, bieten Fachleuten aber wertvolle Hinweise auf das Leben unserer Vorfahren.

Schon seit den 1970er-Jahren gibt es hier Ausgrabungen

Dass der Steinacker diesbezüglich einiges zu bieten hat, ist schon länger bekannt. Bereits Anfang der 1970er-Jahre wurden hier erste Ausgrabungen vorgenommen und der Bereich als Ort steinzeitlicher Aktivitäten identifiziert. An der Westflanke der Mauchener Talmulde gelegen, bietet der Hang einen guten Überblick über das Gelände – und Wildtiere sind hier bis in unsere Tage häufig zu beobachten. Allerdings: Die Oberflächenstruktur dürfte zu den Zeiten, die die Archäologen interessieren, anders ausgesehen haben als heute.

Das zu verstehen und richtig einzuordnen, sei eine wichtige Aufgabe, erläuterte Marcel El-Kassem unlängst bei einem Vortrag im Markgräfler Museum in Müllheim zu dem aktuellen Stand der archäologischen Arbeiten am Steinacker. Der Gebietsreferent des Landesamtes für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und Steinzeitexperte beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit dem Steinacker. Er ist dabei nicht allein: Inzwischen hat sich ein weit verzweigtes Netzwerk zur Erforschung dieser Fundstätte gebildet, die von den Experten mittlerweile als eine der bedeutendsten in Süddeutschland eingeordnet wird.

Kooperationspartner kommen unter anderem von den Unis in Rostock sowie Bayreuth; und auch interessierte Laien begleiten das Vorhaben, etwa vom rührigen Arbeitskreis Archäologie im Markgräfler Museumsverein, der auch an der aktuellen Ausstellung zu archäologischen Funden im Markgräfler Museum beteiligt war.

Modernste Analysemethoden kommen zum Einsatz

Modernste Analysemethoden wie die Optisch-Stimulierte Lumineszenz-Datierung kommen bei den Untersuchungen in den Gruben am Steinacker zum Einsatz, wo in mühevoller Handarbeit akribisch sauber Schicht für Schicht abgetragen wird. Damit konnte festgestellt werden, dass in diesem Bereich wohl schon deutlich früher als bisher angenommen menschliche Aktivitäten stattfanden. Bislang galt der Steinacker als Fundstelle des Gravettien, einer späten Periode der Altsteinzeit vor etwa 30.000 Jahren. Nun aber kann man vermuten, dass bereits in der Zeit der Neandertaler, vor 70.000 bis 90.000 Jahren, eine Besiedlung stattfand.

Wobei der Begriff "Besiedlung" gedanklich in die Irre führen kann: Die Menschen in der Altsteinzeit waren noch nicht sesshaft. Der Bereich am Steinacker kann man sich also nicht als feststehende Besiedlung vorstellen, etwa in Form eines Dorfes, sondern als temporär, vermutlich aber wiederkehrend genutzte Lagerstätte, von der aus man zur Jagd aufbrach und Gerätschaften aus dem in der Gegend vorkommenden Bohnerzjaspis anfertigte.

Bewerbung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Die Funde am Steinacker haben interessante Erkenntnisse erbracht, aber auch eine Menge weiterer Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel die, ob es Interaktionen mit anderen altsteinzeitlichen Siedlungsplätzen in angrenzenden Regionen gab. Oder, ob die Besiedlung in der hiesigen Region tatsächlich, wie bislang vermutet, mit dem Höhepunkt der letzten großen Kaltzeit vor rund 20.000 Jahren abbrach oder nur entsprechende Relikte aus dieser Periode noch nicht gefunden wurden.

Nicht zuletzt aufgrund des stark interdisziplinären Charakter des Projekts möchten sich die Verantwortlichen nun um die Aufnahme in ein Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bewerben. Bei Erfolg winken stattliche Fördersummen. Und die spannende Geschichte vom Steinacker könnte weitergeschrieben werden.

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