Der "Tag Null" wird noch einmal verschoben

Johannes Dieterich

Von Johannes Dieterich

Fr, 02. März 2018

Panorama

Die Stadtverwaltung von Kapstadt sagte voraus, dass der Metropole im April das Wasser ausgeht / Das scheint nun abgewendet.

JOHANNESBURG. Für die Bewohner des südafrikanischen Kapstadt klang es stets wie ein Termin, an dem die Apokalypse beginnt. Seit Monaten kursieren Meldungen von einem "Tag Null", dem Tag, an dem in Kapstadt als erster Metropole der Welt die Wasserleitungen austrocknen werden. Die extreme Trockenheit schien das Ereignis unausweichlich zu machen.

Die Einwohner der Stadt erleben derzeit allerdings, dass dieser Termin flexibel scheint: Erst rückte der "Tag Null" immer näher heran und kündigte sich schließlich bereits Anfang April an – nun bewegt er sich plötzlich in die andere Richtung und soll frühestens Anfang Juli eintreten. Und das alles, ohne dass in Kapstadt auch nur ein Tropfen Regen fiel. Der Grund für den mobilen Termin scheint genauso beweglich wie die Frist zu sein. Aus dem Bürgermeisteramt heißt es, die Landwirtschaft habe plötzlich ihren Wasserkonsum enorm gedrosselt: Die Wein-, Obst- und Gemüsefarmer der Region sind für den Verbrauch von bis zur Hälfte des kostbaren Nasses zuständig. Fachleuten ist allerdings längst bekannt, dass die Bauern zum derzeitigen Sommerende ihre Bewässerungsanlagen abschalten: Das hätte bei der Berechnung des Tags Null also von vornherein berücksichtigt werden müssen.

Andere verweisen darauf, dass die Kapstädter plötzlich Weltmeister im Wassersparen geworden seien: Statt wie noch vor einem Jahr mehr als 900 Millionen Liter pro Tag würden die rund vier Millionen Einwohner inzwischen nur noch 500 Millionen verbrauchen. Seit Februar ist der Wasserverbrauch pro Person auf täglich 50 Liter beschränkt. Doch auch der reduzierte Konsum hatte sich seit Monaten angebahnt und hätte in die Prognosen für den "Tag Null" einbezogen werden müssen. Als Erklärung des flexiblen Termins bleibt deshalb nur die Vermutung, dass mit der Festsetzung der Frist Politik betrieben wird. Offensichtlich sollte den Einwohnern der Hafenstadt zunächst ein Schrecken eingejagt werden.

Die Hiobsbotschaften der Kapstädter Stadtmütter und -väter hatten jedoch unliebsame Nebenwirkungen. Die Kunde vor dem drohenden Austrocknen der Metropole wurde in alle Welt getragen. Touristen dachten über einen Urlaub unterm Tafelberg zweimal nach, potentielle Investoren bekamen kalte Füße. Deshalb sind in Südafrika seit Tagen Spindoktoren unterwegs, die Entwarnung geben: Die Krise sei nur halb so schlimm, wie Unheilpropheten glauben machen würden. Und die Hiobsbotschaften werden zu Jubelarien umkomponiert. Kapstadt sei die erste Metropole der Welt, die aus dem Wassernotstand ihre Lehren ziehe: Die Bevölkerung sei "zusammengerückt" und habe sich als "außerordentlich belastbar" erwiesen, sagt Xanthea Limberg, Sprecherin der Stadtbehörde.

Doch in Wirklichkeit setzen die Verantwortlichen auf die im Mai beginnende Wintersaison, die dieses Mal hoffentlich mehr Regen als in den vergangenen drei Dürrejahren bringen wird. Die Meteorologen wagen darüber allerdings bislang noch keine Prognose. Bleibt zu hoffen, dass die Natur ein Einsehen hat und die Stunde Null bald nur noch als fieses Schreckgespenst in Erinnerung bleibt.