Der Weltbürger aus Gunsbach

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 18. Oktober 2020

Elsass

Das renovierte Albert-Schweizer-Haus im Elsass feiert den Vorkämpfer für Frieden und eine nachhaltige Weltkultur.

Annette Mahro
So simpel das Prinzip klingt, so allumfassend sind seine Konsequenzen. Nichts weniger, aber auch nichts mehr als die "Ehrfurcht vor dem Leben" bildet den Kern von Albert Schweitzers Ethik. Dem Andenken des 1875 im Elsässer Kaysersberg geborenen Friedensnobelpreisträgers ist das "Maison Albert Schweitzer" im westlich von Colmar gelegenen Gunsbach gewidmet. Nach dem Ende 2017 begonnenen Um- und Ausbau ist es jetzt wieder geöffnet. Wem zu dem Philosophen, Theologen, Arzt und Organisten nicht mehr als die Bezeichnung "Urwalddoktor" einfällt, dem gewährt das Maison tiefere Einblicke.

Waren im Schweitzer-Haus einst vor allem Dinge ausgestellt, wie etwa die Wiege des Vorkämpfers für eine nachhaltige Weltkultur oder sein Sekretär, so stellt das neue Haus das Denken des Mannes in den Vordergrund, für den es nicht erst zwei Weltkriege gebraucht hätte, um ihn zum mahnenden Pazifisten zu machen. Nach abgeschlossenen Studien der Theologie und Philosophie und einem bereits aufgenommenen Vikariat orientierte sich der bereits zweimal promovierte und später auch in evangelischer Theologie habilitierte Geisteswissenschaftler noch einmal neu und studierte Medizin. Mit der Entscheidung glaubte er dem eigenen Begriff der Ehrfurcht vor dem Leben am besten gerecht zu werden.

Das später aufgebaute Hospital mit angeschlossenem Lepradorf in Lambarene im zentralafrikanischen Gabun war für Schweitzer die praktische Umsetzung seiner ethischen Überzeugung. Die medizinische Arbeit galt ihm nur als eine von vielen Möglichkeiten. Jeder solle für sich, so Schweitzers Empfehlung, sein eigenes "Lambarene" finden. Sein Ehrfurchtsbegriff schloss ausdrücklich jedes Leben ein, auch das von Pflanzen und Tieren. Hohen Wert maß er auch der Selbstachtung und der Freiheit zur Abwägung bei. So war der Elsässer, in dessen nahem Umfeld immer Tiere lebten, beispielsweise entgegen häufiger Annahme kein Vegetarier. Mücken und hier insbesondere europäischen, solange sie keine Krankheiten übertrugen, habe er für sich dagegen durchaus ein Lebensrecht eingeräumt, erklärt Jenny Litzelmann, die den Gunsbacher Erinnerungsort heute leitet.

Das seit Jahrzehnten über und über mit wildem Wein bewachsene heutige Museum hat der Menschen-, Tier- und Pflanzenfreund 1928 bauen lassen und dafür Einnahmen aus dem im selben Jahr erhaltenen Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main verwendet. Drei Jahre nach dem Tod seines Vaters, der in Gunsbach Pfarrer war, hatte er sich wieder einen festen Platz in dem Dorf gewünscht, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. Betrieben wird das heutige Museum von der "Association Internationale pour l’Oeuvre du Docteur Schweitzer de Lambaréné" (AISL), die auch das wenige Meter entfernt liegende alte Pfarr- und heutige Gästehaus verwaltet.

Auch wenn der berühmte Sohn des Ortes ständig unterwegs war und sich entweder in seinem Lebensprojekt in Lambarene aufhielt, oder auf Vortrags- und Konzertreisen, bei denen er Orgel spielte, für dessen Finanzierung sammelte, kehrte er doch immer wieder nach Gunsbach zurück. Er schrieb auch viel beachtete Bücher, etwa über seine Arbeit in Lambarene, seine Kulturphilosophie oder eines über Johann Sebastian Bach. Als deutschsprachigem Elsässer evangelischen Glaubens begegneten ihm seine vorwiegend katholischen Landsleute aber durchaus mit Vorbehalten. "Erst nachdem er den Friedensnobelpreis bekommen hatte, erfuhr er in Frankreich die volle Wertschätzung, die ihm gebührte", sagt Litzelmann.

Schweitzer selbst habe sich jedoch weder als Franzose noch als Deutscher gefühlt, sondern sich einen "Homme de Gunsbach" und Weltbürger genannt. Seit 1912 war er mit der gebürtigen Berlinerin Helene Bresslau verheiratet. Zusammen brachen die beiden ein Jahr später erstmals nach Afrika auf, um das berühmte Hospital unterhalb einer französischen Missionsstation aufzubauen. Während des Ersten Weltkriegs wurden sie als möglicherweise feindlich Gesinnte von den französischen Kolonialbehörden observiert und schließlich 1917 nach Südfrankreich gebracht und dort interniert. 1918 kehrt die Familie zurück nach Straßburg.

Während des Zweiten Weltkriegs blieb Schweitzer in Lambarene, wohin sich seine jüdischstämmige Frau erst 1941 retten konnte. Aus gesundheitlichen Gründen hatte sie ihn vorher nicht begleitet. Vor der heranrückenden Nazi-Gefahr, hatte ihr Ehemann aber bereits in seiner in Frankfurt gehaltenen Rede zu Goethes 100. Todestag 1932 gewarnt.

Nach dem Krieg bezog er erneut Position und wendete sich nicht zuletzt in seinem 1958 erschienenen Buch "Friede oder Atomkrieg" gegen eine neue Massenbedrohung und den Wahnsinn des Wettrüstens. Zu den vielen Persönlichkeiten, mit denen der Mann mit dem charakteristischen Schnurrbart freundschaftlich oder zumindest durch Briefwechsel verbunden war, zählte auch Albert Einstein. Jean-Paul Sartre war sein Großcousin. Ihnen begegnet man heute in dem Haus in Gunsbach ebenso wie weiteren Verbündeten.

In dem Archiv, das die AISL in Gunsbach betreibt, werden unter anderem rund 10 000 Briefe von und 70 000 Briefe an Albert Schweitzer verwaltet, dazu 35 000 Fotos, Manuskripte, Bücher, Predigten, Film- und Tondokumente, die zum Teil zu hören und zu sehen sind sowie Zeitungsausschnitte, Partituren, Medaillen und Urkunden. Intensiv widmet sich die Ausstellung seinem Wirken in Lambarene. Zu sehen sind im Museum auch Exponate der afrikanischen Kultur. Bei aller Anerkennung, die dem Arzt für seine Arbeit widerfuhr, gab es auch Kritiker, die Schweitzer eine paternalistische Fortschreibung des Kolonialismus vorwarfen und beispielsweise kritisierten, dass Pflegepersonal selbst nach Jahrzehnten nicht vor Ort ausgebildet wurde, sondern weiterhin aus Europa kam.

Nachhaltig beschädigt hat die Kritik das Andenken Schweitzers nicht. Weltweit gibt es bis heute mehrere Schweitzer-Gesellschaften, auch Erinnerungen werden vielerorts verwahrt, so etwa im Deutschen Literaturarchiv in Marbach. Das Albert-Schweitzer-Geburtshaus in Kaysersberg kann derzeit renovierungsbedingt allerdings nicht besichtigt werden. Es wird voraussichtlich erst 2022 wieder öffnen. Wer gut zu Fuß ist, kann in Gunsbach auch den Albert-Schweitzer-Weg erkunden, der an Informationstafeln, einem Denkmal und Stationen seiner Jugend vorbeiführt.