Deutsch-französisches Promi-Treffen

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 18. September 2019

Ortenaukreis

Zeichner Rainer Ehrt und Autor Manfred Hammes zeigen im Europäischen Forum am Rhein berühmte deutsch-französische Rendezvous.

NEURIED-ALTENHEIM (BZ). Diese Ausstellung des Künstlers Rainer Ehrt ist wie zugeschnitten auf den Ausstellungsort in Neuried, das neue "Europäische Forum am Rhein" an der Pflimlin-Brücke – direkt an der deutsch-französischen Grenze. Ehrt zeichnet in seinen Blättern mit großartigem Strich große und teils fiktive deutsch-französische Begegnungen nach. Zur Einweihung des Europäischen Hauses an der Grenze genau der richtige Stoff. Texte dazu stammen vom Literaten, exzellenten Frankreichkenner und ehemaligen Chef der Wirtschaftsregion Ortenau (WRO), Manfred Hammes.

Rainer Ehrt, 1960 in Elbingerode im Harz geboren, ist ein herausragender Grafiker und Zeichner. Schon früh hatte Ehrt eine besondere Neigung zu Literatur und Kulturgeschichte. In seiner Jugend beschäftigten ihn die Bilder von Dürer und Daumier, von George Grosz und Otto Dix. Auch die Karikaturen des "Simplicissimus" haben ihre Spuren bei ihm hinterlassen, ebenso wie die verführerischen Lineaturen eines Horst Janssen oder Michael Mathias Prechtl.

Er studierte in den 1980er Jahren an der Hochschule für Kunst und Design Halle/ Burg Giebichenstein. Ehrt bezeichnet sich selbst ironisch als "Fossil der grafischen Kunst". Mit präzisem Strich, lustvoll fabulierend und mit vielen Anspielungen legt er seine Zeichnungen an. Diese wurden in vielen Büchern und namhaften Medien publiziert, von der FAZ über die Times bis zu Zeit und Geo und in zahlreichen Ausstellungen weltweit gezeigt.

König Heinrich IV. trifft

Romanautor Heinrich Mann

Grund genug für den Architekten und Investor Jürgen Grossmann, sein Europäisches Forum zur Verfügung zu stellen. Mit im Boot sind auch Edzard Schoppmann und Guido Schumacher, Intendant und Geschäftsführer des BAAL novo-Theaters, die die Vernissage der Ausstellung in die Eröffnungswoche ihres künftigen Spielorts im Forum integriert haben.

Über die Zeichnung der Exilschriftsteller in deren "Café des Exilés" haben Ehrt und der Autor Manfred Hammes – zuvor langjähriger Geschäftsführer der WRO – sich kennengelernt. Das Bild fand Eingang in Hammes’ jüngstes Buch, einen Reiseverführer "Durch den Süden Frankreichs" mit den Schwerpunkten Literatur, Kunst und Kulinarik. "Vielleicht die fundierteste Darstellung zu diesem Thema, ganz gewiss ist es die am besten geschriebene", urteilte die FAZ. Und so zeichnete Ehrt die bei einem Brainstorming entstandenen deutsch-französischen Begegnungen und Hammes lieferte die Texte.

Das so entstandene großformatige Buch zur Ausstellung mit über einhundert Seiten erscheint in der Éditions du Signe und kostet gerade mal 20 Euro; diesen Preis haben vor allem die Caisse d’Épargne Grand Est Europe und die Sparkasse Offenburg-Ortenau mit ihrem Kultursponsoring möglich gemacht, sowie zwei deutsch-französische Unternehmen, die Planungs- und Beratungsingenieure von Ingérope sowie die IT- und Mobile-Spezialisten von Actimage.

Und so begegnen sich der französische König Henri IV. und Heinrich Mann, der vor den Nationalsozialisten über Kehl ins Exil nach Frankreich floh und in Nizza zwei Romane über seinen Lieblingskönig schrieb. Oder Napoleon und Goethe: Dafür, dass er bereits 60 Jahre alt sei, habe er sich "ganz gut erhalten", sagte der damalige Kurzzeit-Herrscher über fast ganz Europa zum Langzeit-Dichterfürsten. Ein etwas seltsames sogenanntes Frühstück, zu dem Napoleon am 2. Oktober 1808 Goethe eingeladen hatte. Wahrscheinlich hätte Goethe lieber eine Tasse Tee serviert bekommen statt des Ordens der Ehrenlegion, mit dem der Kaiser zunächst nur wedelte und den er dem Dichter tags drauf zustellen ließ.

Brecht trifft Villon, bei dem er sich hemmungslos bedient.

Und es begegnen sich Richard Wagner und Daniel Auber. Und auch Heinrich Heine, der lange in Paris wirkte und dort in seiner "Matratzengruft" starb, machte sich über Wagners Scheitern in Paris lustig: "Welche traurigen Erfahrungen musste Herr Richard Wagner machen, der endlich, der Sprache der Vernunft und des Magens gehorchend, das gefährliche Projekt, auf der französischen Bühne Fuß zu fassen, kläglich aufgab und nach dem deutschen Kartoffelland zurückflatterte".

Weiter begegnen sich Brecht und Villon. Die genial-frechen Verse François Villons wurden von Brecht, dessen Familie aus dem badischen Achern stammte, irgendwie "geerbt": Ohne Villon hätte es jedenfalls die Dreigroschenoper als Welterfolg nicht gegeben. Stets verbergen sich Ironie und manchmal auch böse Anspielungen hinter der feinen Ästhetik von Ehrts Bildern seiner deutsch-französischen Begegnungen. Rainer Ehrt zeichnet flott, setzt Strichlagen geschickt ein. Es gibt Tonflächen und Strukturen, aber sein wichtigstes Ausdrucksmittel ist die Linie. Sie verleiht den Bildern ihren unverwechselbaren Charakter. Zeichnungen und Texte ergänzen sich wunderbar, weil Hammes so schreibt wie Ehrt zeichnet.

Kein deutscher Zeichner ist denkbar ohne grandiose französische Vorbilder wie Honoré Daumier und Jean-Dominique Ingres, dem grandiosen Porträtisten einer ganzen Epoche, der es auf den Punkt brachte: "Die Zeichnung ist die Ehrlichkeit in der Kunst!" Das war auch die Devise von Tomi Ungerer, dem Ehrt mit einem Einzelporträt Reverenz erweist.

Die Ausstellung ist vom 3. Oktober bis zum 10. Januar 2020 im Europäischen Forum am Rhein (am Grenzübergang Pflimlin-Brücke in Neuried) zu sehen. Der Eintritt ist frei. Danach geht die Ausstellung nach Berlin, Paris und Brüssel.