Interview mit Patientenberater

Wie Krankenkassen ihre Kunden bei Widersprüchen austricksen

Bernhard Walker

Von Bernhard Walker

Sa, 13. Juli 2019 um 18:00 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Wer bei der Krankenkasse einen Antrag stellt, der abgelehnt wird, kann Widerspruch einlegen. Aber Achtung – wer von der Kasse gebeten wird, diesen zurückzuziehen, sollte hellhörig werden.

Wer einen Antrag an die Krankenkasse stellt und einen freundlich gehaltenen Brief bekommt, der auffordert, den Widerspruch doch zurückzunehmen, der sollte aufhorchen. Nach Einschätzung des unabhängigen Patientenberaters Thorben Krumwiede versuchen Kassen so, Versicherte von ihrem Widerspruchsrecht abzubringen. Mit dem Geschäftsführer der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) sprach Bernhard Walker.

BZ: Herr Krumwiede, viele Bürger schildern der UPD, dass es Missstände gibt, wenn Kassenversicherte mit einer Entscheidung ihrer Kasse nicht einverstanden sind. Was genau läuft da schief?
Krumwiede: Meist geht es darum, dass jemand einen Antrag auf ein Heil- oder Hilfsmittel stellt, also zum Beispiel auf einen Rollstuhl oder eine Haushaltshilfe. Lehnt die Kasse diesen Antrag ab, kann der Versicherte Widerspruch einlegen, der dann im Widerspruchsausschuss der Kasse beraten wird. Aus unserer Beratung wissen wir, dass Kassen immer wieder Antragsteller dann in sehr freundlichen Worten auffordern, den Widerspruch zurückzunehmen, weil der doch angeblich völlig chancenlos sei.
BZ: Und was ist dabei das Problem?
Krumwiede: Das Problem ist, dass man damit auf alle Rechtsmittel verzichtet, also seinen Anspruch auch nicht mehr vor dem Sozialgericht geltend machen kann. Dass so das gesamte Widerspruchsverfahren hinfällig wird, wird aus den Schreiben allerdings gar nicht deutlich.

Da liegt ein Skandal vor, der leider System hat. Thorben Krumwiede

BZ: Die Leute werden also hinters Licht geführt?
Krumwiede: Das ist Ihre Wortwahl. Meine ist: Da liegt ein Skandal vor, der leider System hat.
BZ: Das heißt, die Sache kommt öfter vor?
Krumwiede: Jedenfalls hören wir in unserer Beratung oft davon. Und es dürfte eine hohe Dunkelziffer geben. Doch ganz unabhängig von der Häufigkeit ist doch klar, dass der Missstand ein Ende haben muss. Inzwischen geht das so weit, dass eine Kasse in einem uns bekannten Fall den erwähnten freundlichen Brief schreibt. Und in dem Brief gibt es ein Kästchen für die Rücknahme des Widerspruchs, das schon angekreuzt ist.
BZ: Sie sagen, der Missstand müsse aufhören. Das Bundesversicherungsamt (BVA) hat die Kassen angewiesen, diese Praxis einzustellen.
Krumwiede: Stimmt, das hat das BVA erfreulicherweise getan. Nur halten sich offensichtlich nicht alle Kassen daran.
BZ: Manche Kassen wie zum Beispiel die AOK unterstehen ja nicht der Aufsicht des BVA.
Krumwiede: Wir können aber aufgrund der Berichte der Patienten nicht feststellen, dass das seltsame Kassengebaren nur bei bestimmten Kassen auftritt und bei anderen gar nicht. Es geht vielmehr quer durch die ganze Kassenlandschaft.

Es geht quer durch die ganze Kassenlandschaft. Thorben Krumwiede


BZ: Was raten Sie den Versicherten?
Krumwiede: Dass sie gerade bei auffallend freundlich formulierten Schreiben lieber zweimal hinschauen. Und dass sie sich bei uns melden.
BZ: Die Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung ist gut. Wie erklären Sie sich, dass es trotzdem zu dem Missstand kommt?
Krumwiede: Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Meiner Meinung nach kann man aus diesen Vorkommnissen jedenfalls ableiten, dass neben günstigen Kosten für die Versicherten auch die Qualität ein stärkerer Gesichtspunkt im Wettbewerb der Kassen werden sollte.
BZ: Wie könnte das gelingen?
Krumwiede: Der Bundestag könnte die Kassen verpflichten, die so genannten Widerspruchsquoten zu veröffentlichen – also darzulegen, wie viele Widersprüche es bei jeder Kasse gibt, wie viele von ihnen Erfolg haben, wie häufig es zu Klagen vor Sozialgerichten kommt und wie die ausgehen. Wenn neben der Geldfrage auch ein Einblick in die Qualität möglich wird, können Bürger besser entscheiden, in welcher Kasse sie Mitglied sein wollen.
Thorben Krumwiede (40), Diplom-Kaufmann, war auch für die AOK Rheinland/Hamburg und den AOK-Bundesverband tätig. Seit 2015 ist er Geschäftsführer der UPD.