Justizgeschichte

Der NSU-Prozess endet am Mittwoch – ein historisches, monströses und einzigartiges Verfahren

Patrick Guyton

Von Patrick Guyton

Sa, 07. Juli 2018 um 18:13 Uhr

Deutschland

BZ-Plus Ein in jeder Hinsicht einmaliges Verfahren geht zu Ende: Am Mittwoch fällt das Urteil im Münchner NSU-Prozess. Wer ist Beate Zschäpe: Täterin, Mitläuferin, Abhängige, Opfer?

Auf einem hinteren Platz der vollbesetzten Zuschauerempore sitzt ein Mann, Mitte 30. Er trägt ein dunkelblaues Sweatshirt mit dem Aufdruck "Löwen-Fans gegen rechts". "Der Theo war mein Freund", sagt er. "Immer nett und lustig, wir haben zusammen gearbeitet." Es ist der allererste Tag eines sehr langen Prozesses, und es ist mehr als fünf Jahre her.

Theodoros Boulgarides, den alle Theo nannten, lebt da schon lange nicht mehr. Zwei ihm völlig Unbekannte haben den Mann am 15. Juni 2005 in seinem kleinen Schlüsseldienstladen in der Münchner Trappentreustraße 4 mit drei Kopfschüssen getötet. Sie taten es, wie man später erfährt, ausschließlich wegen seiner ausländischen Herkunft, und sie hießen, auch das weiß man erst sehr viel später, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Theo Boulgarides stammte aus Griechenland, war Ehemann, Vater zweier Töchter und wurde 41 Jahre alt. Er war das siebte von zehn Opfern jener Bande, die sich stolz "Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)" nannte.

Falsche Erwartungen an des Tempos des Prozesses
Bereits in diesen ersten Stunden des Prozesses wird Theos Freund merklich unruhig. Denn das Verfahren beginnt so, wie es in all den Jahren über weiten Strecken weitergehen wird: schleppend. Wolfgang Stahl, Verteidiger der Hauptangeklagten, stellt einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht. Die Verteidigung werde, klagt er, am Eingang auf Waffen und gefährliche Gegenstände durchsucht. Das sei ein "diskriminierender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht".

Theos Freund rutscht auf seinem orangefarbenen Sitz hin und her, schließlich sagt er: "Wann sagt die denn endlich was?" Er zeigt auf die Hauptangeklagte, Beate Zschäpe. Laut Anklage der Bundesanwaltschaft ist die 43-Jährige Mitglied des NSU-Trios und Mittäterin bei den Morden gewesen. "Und wann", fragt er, "wird die verurteilt?"

Theos Freund hatte grob falsche Erwartungen bezüglich des Tempos dieses Prozesses. Damit war er nicht der Einzige. Nicht Tage, Jahre würden vergehen, bis Zschäpe endlich etwas sagt. Und erst jetzt steht das Urteil gegen die Rechtsextremistin und die vier weiteren Angeklagten bevor, am kommenden Mittwoch. Mit dem dann 438. Verhandlungstag wäre dann tatsächlich Schluss.

Das Verfahren ist historisch, einzigartig, monströs
Mit unglaublicher Akribie hat das Gericht die Umstände der Mordserie aufdecken wollen, der größten und brutalsten in der ...

BZ-Plus-Artikel

Einfach registrieren und Sie können pro Monat 5 Artikel kostenlos lesen - inklusive BZ-Plus-Artikel und BZ-Archiv-Artikel.

Gleich können Sie weiterlesen!

Exklusive Vorteile:

  • 5 Artikel pro Monat kostenlos
  • BZ-Plus-Artikel lesen
  • Online-Zugriff auf BZ-Archiv-Artikel
  • Qualitätsjournalismus aus Ihrer Heimat
  • An 18 Standorten in Südbaden – von 150 Redakteuren und 1500 freien Journalisten
  • Verwurzelt in der Region. Kritisch. Unabhängig.
  • Komfortable Anzeigenaufgabe und -verwaltung
  • Weitere Dienste wie z.B. Nutzung der Kommentarfunktion
  • Zugang zu mehreren Portalen der bz.medien: badische-zeitung.de, fudder.de und schnapp.de

* Pflichtfelder

Anmeldung

* Pflichtfelder

Meine BZ