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Islamisten

Vom Pop-Dschihadismus in den Krieg

Annemarie Rösch
  • Mi, 12. März 2014
    Deutschland

     

Die Zahl junger Deutscher steigt, die in Syrien in den Kampf ziehen / Das Bundesamt für Migration berät Familien, die eine Radikalisierung ihrer Kinder befürchten.

Der Konvertit Pierre Vogel wirbt auf d... Pforzheim für einen radikalen Islam.   | Foto: DPA
Der Konvertit Pierre Vogel wirbt auf dem Marktplatz in Pforzheim für einen radikalen Islam. Foto: DPA

FREIBURG. Die Zahl schreckt auf: 300 Islamisten aus Deutschland sind nach neuesten Erkenntnissen des Verfassungsschutzes aktuell in Syrien, etwa 15 bis 20 sollen getötet worden sein. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat eine Hotline eingerichtet, die Angehörige berät, wenn sie eine Radikalisierung befürchten.

Es sind vor allem Mütter, die sich bei der Beratungsstelle Radikalisierung melden. Viele von ihnen sind verzweifelt, weinen am Telefon, weil sie nicht weiterwissen. Weil ihre Söhne, ihre Töchter sich verändert haben, ständig versuchen, die Familie von ihrem Weg des Glaubens zu überzeugen. Manche dieser Kinder, die sich einem strengen und radikalen Islam verschrieben haben, sind erst 15, 16 Jahre alt, die meisten aber zwischen 18 und 24. Bundesweit sind bei der Beratungsstelle, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2012 eingerichtet hat, 800 Anrufe eingegangen. 215 Mal wurde eine intensive Beratung daraus.

Der Fall einer jungen Araberin zählt dazu, sie könnte Fatima heißen. Ihre Eltern hatten sich an die Beratungsstelle gewandt: Zuhause hatten sie einen Brief ihrer Tochter vorgefunden, darin verabschiedet sie sich. Sie fahre ins türkisch-syrische Grenzgebiet. Sie werde einen islamistischen Kämpfer, einen Mudschahid, heiraten und mit ihm nach Syrien gehen. Die Eltern sind entsetzt, verzweifelt. Sie nehmen Kontakt zur Beratungsstelle auf.

Was war geschehen? "Das Mädchen ist im Internet gezielt angeworben worden", berichtet Florian Endres von der Beratungsstelle. Zwei zum Islam konvertierte Frauen hätten das Mädchen angesprochen. Sie waren auf der Suche nach einer Drittfrau für ihren Mann, der in Syrien kämpft. "Diese Frauen glauben, wenn sie einen Mudschahid heiraten, kommen sie direkt ins Paradies", erklärt Endres die Beweggründe der jungen Araberin nach Syrien zu reisen. "Für uns ist das schwer zu verstehen, aber in dem Fall war es so."

Nach Erkenntnissen der Beratungsstelle sind vor allem Jugendliche aus wenig religiösen Elternhäusern für einen radikalen Islam anfällig. Das gilt sowohl für muslimischstämmige Jugendliche wie auch für ursprünglich christliche Jugendliche. "Die meisten kommen aus Familien, in denen Wertevermittlung keine große Rolle gespielt hat", sagt Florian Endres. "Viele kennen auch ihre eigene Religion nicht gut." Die radikalen Islamisten bieten diesen Jugendlichen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens klare Orientierung. "Sie sagen ihnen, was richtig und was falsch ist, und geben ihnen so einen Rahmen, an dem sie sich festhalten können", meint Endres. Oft versuchten Kinder auch ihre Eltern zu provozieren. Früher tat man das, indem man zum Punk wurde. In einer zunehmend liberalen Gesellschaft kann sich die Rebellion gegen die Eltern auch darin ausdrücken, dass ein Jugendlicher Anhänger eines strengen und radikalen Islams wird. "Vielen gefällt es, durch ihre andere Kleidung Aufsehen zu erregen. Wir sprechen heute auch von einem Pop-Dschihadismus", sagt Endres.

Eine Ausreise nach Syrien spielte in allerdings nur in etwa 25 der 215 Beratungsfälle des Bundesamts eine Rolle. Ähnlich wie Fatima planen auch nicht alle, die nach Syrien wollen, dort zu kämpfen. "Es gibt sicherlich auch Jugendliche, die den Menschen helfen wollen, die vielleicht Baby- und Kindernahrung nach Syrien bringen wollen", sagt Benno Köpfer vom Landesamt für Verfassungsschutz in Stuttgart. Die Behörde geht auch davon aus, dass nicht alle, die nach Syrien ausreisen, auf Seiten der Islamisten aus dem Umfeld von al-Qaida kämpfen. "Es könnten zum Beispiel auch junge Kurden dabei sein, die auf Seiten der Kurden kämpfen", meint Köpfer. Oder Anhänger der libanesisch-schiitischen Hisbollah-Organisation, die den syrischen Diktator Baschar al-Assad mit Kämpfern unterstützt. Insgesamt sollen zwischen 10 000 und 11 000 ausländische Kämpfer in Syrien aktiv sein. Über 800 stammen nach Erkenntnis der Bundesregierung aus EU-Staaten.

Wie im Fall der jungen Araberin Fatima spielt das Internet bei der Rekrutierung oft eine wichtige Rolle. Die beiden Konvertitinnen, die auf der Suche nach einer Drittfrau für ihren Mann waren, seien per Internet in permanentem Kontakt mit dem Mädchen gewesen, hätten es immer wieder von ihren Argumenten zu überzeugen versucht. Im Netz gibt es zudem zahlreiche Videos, die vom heroischen Kampf der Islamisten gegen das Unrechtsregime von Baschar al-Assad erzählen. Auch in deutschsprachigen Facebook-Gruppen tauschen sich Jugendliche über den Kampf gegen Assad aus.

Zwar gab es Gerüchte, dass salafistische Gruppen auch auf Schulhöfen Jugendliche für den Kampf in Syrien rekrutieren, dem Verfassungsschutz sind aber keine Fälle bekannt. Gruppen aus dem Umfeld des Konvertiten Pierre Vogel werben allerdings schon bei minderjährigen Schülern für ihre radikale Version des Islams, wenngleich sie nicht zum Dschihad aufrufen. "Trotzdem kann das ein Einstieg sein", meint Köpfer. "Die Grenzen zwischen gewaltlosen und gewaltbereiten Islamisten sind oft fließend."

Aus Sicht des Verfassungsschutzes spielt oft auch Abenteuerlust der Jugendlichen eine Rolle. "Manchen mag auch der Gedanke gefallen, mal mit Waffen herumballern zu können", sagt Benno Köpfer. "In der Realität erleben sie dann aber den Krieg in seiner ganzen Brutalität."

Eine Konstanzerin ist nach Syrien ausgereist

Im Fall der jungen Araberin kam es erst gar nicht so weit, dass sie sich in Syrien in Gefahr begeben konnte – auch dank der Beratungsstelle. "Von der türkisch-syrischen Grenze hat sie ihrem Bruder eine SMS geschickt", berichtet Endres. Es sei oft so, dass die Jugendlichen den Kontakt mit ihrer Familie suchten, um von ihr den Segen für ihr Tun zu bekommen. In Abstimmung mit der Beratungsstelle ließ sich der Bruder auf einen Dialog mit seiner Schwester ein – ohne ihr Vorwürfe zu machen. "Dann blocken Jugendliche ab und es ist gar nichts mehr zu machen", meint Endres. Nach und nach konnte der Bruder die Schwester dazu überreden, nach Hause zurückzukehren.

Doch oft geht es nicht so gut aus. Dem Verfassungsschutz ist der Fall eines Mannes bekannt, dessen Eltern sich an die Behörden gewandt hatten. Ohne Erfolg. Zwar entzog man ihm den Reisepass. Da nach deutschem Recht nicht der Personalausweis weggenommen werden darf, hat er wohl versucht, sich damit über die Türkei nach Syrien durchzuschlagen. Auch eine Gymnasiastin aus Konstanz, erst 16 Jahre alt, soll laut Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nach Syrien ausgereist sein. Bei Aleppo wird sie offenbar für den Kampf ausgebildet.

Islamisten und Andere

Bis vor wenigen Jahren sprach man von Islamisten, um radikale Muslime zu beschreiben. In jüngster Zeit kam der Begriff Salafisten hinzu. Beide Gruppen treten für einen strengen Islam ein, der sich am islamischen Recht, der Scharia, orientiert. Wer vom Islam abfällt, muss aus ihrer Sicht hart bestraft werden. Der größte Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass Islamisten für die Errichtung eines Staats auf der Grundlage der Scharia eintreten. Die Salafisten dagegen haben zumeist kein politisches Konzept, bei ihnen steht das Missionieren im Vordergrund. Sie kleiden sich in Manier der Salaf, der Vorväter des Islams: Bei Männern sind das lange Hemden, bei Frauen Schleier. Viele Islamisten und Salafisten beschreiten auch irgendwann den Weg der Gewalt und ziehen in den Kampf, den Dschihad. Die Kämpfer nennt man Mudschaheddin
(Mudschahid im Singular).

Ressort: Deutschland

  • Artikel im Layout der gedruckten BZ vom Mi, 12. März 2014: PDF-Version herunterladen

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