Wo ist Ben Ammar?

dpa

Von dpa

Fr, 01. März 2019

Deutschland

Mutmaßlicher Helfer des Weihnachtsmarkt-Attentäters soll als Zeuge aussagen, ist aber unauffindbar.

BERLIN (dpa). Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) weiß nicht, ob der am 1. Februar 2017 nach Tunesien abgeschobene Islamist Bilal Ben Ammar untergetaucht ist oder nicht. Er gilt als Schlüsselfigur bei der Aufklärung des Terroranschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 mit zwölf Toten und mehr als 70 Verletzten. Doch ob Ben Ammar als Zeuge zur Verfügung stehen wird, ist offen.

"Mir ist momentan der Aufenthalt nicht bekannt", sagte Seehofer am Donnerstag in Berlin. Die Bundesregierung bemühe sich aber, herauszufinden, wo Ben Ammar ist. Entsprechende Gespräche mit den tunesischen Behörden liefen bereits. Ben Ammar war ein radikaler Islamist und enger Freund des Berliner Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri. Am Abend vor Amris Anschlag auf dem Breitscheidplatz aßen beide gemeinsam in einem Lokal. Für den Zeitpunkt der Tat hat er nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler kein Alibi. Der Untersuchungsausschuss des Bundestages zu dem Anschlag will Ben Ammar, der in Deutschland auch mit Drogen- und Diebstahlsdelikten aufgefallen war, vernehmen.

Die Bundestagsfraktionen von FDP, Grünen und Linken sind der Meinung, die Abschiebung Ben Ammars sei voreilig gewesen. Sie fragen sich: Ging es den Sicherheitsbehörden damals nur darum, einen potenziell gefährlichen Islamisten loszuwerden oder sollte womöglich etwas vertuscht werden? Ob Ben Ammar für einen Nachrichtendienst gearbeitet habe, will ein Journalist wissen. Seehofer sagt: "Mir ist da nichts bekannt."

Besprochen wurde der Fall Ben Ammar kurz nach dem Anschlag in kleiner Runde, erinnert sich jemand, der damals mit dem Vorgang befasst war. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sei dabei gewesen und Heiko Maas (SPD), zu diesem Zeitpunkt Justizminister. Man sei damals übereingekommen, den Tunesier möglichst schnell abzuschieben, wenn man ihm keine Tatbeteiligung würde nachweisen können. Ben Ammar wurde am 19. Januar 2017 zum zweiten Mal vom Bundeskriminalamt vernommen. 13 Tage später saß er im Flugzeug nach Tunis. Seehofer sagte, ob diese Abschiebung womöglich vorschnell war, könne in letzter Konsequenz nur der Untersuchungsausschuss klären.

"Aus unserer Sicht hätte der Generalbundesanwalt genauer prüfen müssen und Ben Ammar auf Grundlage der schweren Vorwürfe länger in Untersuchungshaft halten können", sagte Martina Renner, Obfrau der Linken im Untersuchungsausschuss. Ben Ammar hatte Monate vor dem Anschlag Fotos gemacht, auf denen der spätere Tatort zu sehen ist. Auffällig ist die Perspektive, die er für seine Aufnahmen wählte. Auf den Bildern, die man auf seinem Handy fand, liegt der Fokus auf dem Zugang zum Platz, der damals nicht mit Pollern abgesperrt war und den Amri später nutzte, um den Lastwagen in die Menschenmenge zu steuern.

Fritz Felgentreu, SPD-Obmann im Untersuchungsausschuss sagt: "Für uns spricht vieles dafür, dass Ben Ammar ein Mitwisser war. Ob er auch ein Mittäter war, dafür liefert zumindest der Bericht heute noch keinen Beleg." FDP-Innenpolitiker Benjamin Strasser findet, Seehofer müsse sich mehr anstrengen, um herauszufinden, wo Ben Ammar steckt.