Medizinethik

Die Aussagen sind fragwürdig

Paul Busse

Von Paul Busse (Freiburg)

Sa, 11. September 2021

Leserbriefe

Zu: "Regeln können entlastend sein", Interview von Claudia Füßler mit Joachim Boldt (Leben, 31. August)

Es ist mitunter herausfordernd, was an die Leserschaft an Gedankengut mancher Wissenschaftler herangetragen wird. Sehr fragwürdig sind die Aussagen Boldts als Medizinethiker, fürsorglich bewegt er sich im Konjunktiv. Dennoch ist es ein Trugschluss, seine "Schuld" zu reduzieren, wenn man auferlegten Regeln folgt, mit denen ein gesellschaftlicher Konsens als neues "Normal" kreiert wurde, das den "gemeinschaftlich legitimierten Rahmen" schafft, wie Boldt glauben macht.

Wie menschenwürdeverachtend dieses zum Wohl der Allgemeinheit inszenierte Konstrukt sein kann, zeigte sich schnell – wenn es ernst wird, greift erfolgreich die Kunst des Verdrängens. Hat man sich erst einmal an neues Verhalten gewöhnt, fallen auch die Skrupel. Mein Hinweis auf die ethisch katastrophalen Vorgehensweisen in Alten- und Pflegeheimen und dergleichen mag zur moralischen "Schuld" der Handelnden genügen.

Eine Reihe von international beachteten Strafprozessen nach 1990 zeigte auf, dass das Ignorieren von Menschenrechtskonventionen selbst dann nicht von Schuld frei macht, wenn man unter echten oder vermeintlichen Sachzwängen handelte. Seine Sicht zur Impfstoffentwicklung spiegelt kaum mehr als Illustriertenwissen und könnte von einem gewöhnlichen Mediziner kaum anders erwartet werden. Die Ausführungen sind medizinhistorisch so hanebüchen daneben, dass sich die Frage aufdrängt, was jemand, der Medizingeschichte als sein weiteres Fachgebiet benennt, damit bezweckt. Paul Busse, Freiburg