Die befreiende Schnoddrigkeit

René Zipperlen

Von René Zipperlen

Do, 11. März 2021

Literatur & Vorträge

Der Kinderbuchautor Janosch wird 90 – im Tigerentenwahn gingen seine Qualitäten fast unter.

Mitunter kann ein guter Feind helfen, einen Künstler aus der Klischeekiste zu holen. "Wir dürfen nicht zulassen, dass solche falschen Propheten Zugang zu unseren Kinderzimmern erlangen." Diese Warnung heftete der einstige Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) nicht 1957, sondern 2007 dem erfolgreichsten Kinderbuchautor Deutschlands ans Revers: Janosch. Vor dem sollen wir die Kinder schützen? Dem Vater von Kleinem Bär und Tigerente? Nun gut, Janosch hatte einen Täufling gezeichnet, dem der Pfarrer ein schmales Kruzifix in den Leib nagelt. Konnte man glatt übersehen.

Dass Janosch am heutigen Donnerstag 90 wird, ist ein kleines Wunder. Als Kind blickte er in die Kalaschnikow eines entschlossenen Rotarmisten, mit 49 brach er mit kaputtgesoffenen Organen zusammen. Irgendwann kam ihm auf dem Weg zum sicher geglaubten Tod Yoga dazwischen, dann der Erfolg. Janosch kam 1931 im oberschlesischen Hindenburg (heute Zabrze) zur Welt – als Horst Eckert, Horst wie im Horst-Wessel-Lied der Nazis, das wollte der Vater, SA-Mitglied, unbedingt. Ein schlimmer Säufer und Schläger, auch von der Mutter wird Janosch nichts Gutes erzählen, von der katholischen Kirche erst recht nicht. Die Kindheit? Das größte Unglück, ein katastrophales Trauma. Sein Werk – die Medizin dagegen.

Denn seit seinen ersten Büchern von 1960 über das Pferd Valek und "Josa mit der Zauberfidel" helfen Janoschs unwahrscheinliche Helden den Schwachen, Bedürftigen und Beladenen. Trostpflaster in Buchdeckeln. Auch wenn die Kirche in seiner Welt ohne Autoritäten und Eltern keinen Platz hat: Seine Geschichten mit ihren oft leicht zwielichtigen Außenseitern haben einen festen moralischen Kompass. Sie sind warmherzig, mit schnoddrigem Humor, einer guten Prise Frivolität und einer befreienden Wurstigkeit gegenüber allem, was angeblich so sein muss. Müssen, so Janoschs Botschaft, muss man nämlich nur eins: die unbedingte Freiheit suchen. Noch eins: sich nichts gefallen lassen. Anderen schaden tut man ja ohnehin nicht.

Es ist also kein Zufall, dass frühe Janosch-Figuren (etwas) chagallhaft fliegen können, das Pferd Valek oder Onkel Poppoff. Nur am Markt hoben sie nicht ab. "Valek" verkaufte sich angeblich 15 Mal. "Josa" kaum öfter. Dessen Stunde kam erst, als der Autor 40 Bücher später berühmt wurde. Janosch, der nach zwei Absagen immerhin zwei Semester an der Münchener Akademie der Künste gelitten war, und "15 Jahre lang an der Kunst litt", verdiente lange Zeit sein Geld als Zeichner für Tapeten und Textil.

Seine Kinderbücher mussten warten, bis der Zeitgeist aufholte. Lange war der "verworrene Strich" (Janosch) zu grob, die Geschichten zu unbrav, seine Figuren zu verwahrlost und zu versoffen, selbst die oft furchtbar aufgebrezelten Frauen. Zu polnisch auch? Janosch sagte selbst, er denke nicht wie ein Westeuropäer.

1978, zwei Jahre nach dem Wechsel zum enthusiastischen Verleger Hans-Joachim Gelberg, war es so weit: Janosch malte nun sanfter und aquarellierte fröhlich, und er fand in eine Erfolgsspur, die er nicht mehr verlassen wollte. Da erschien "Oh, wie schön ist Panama", die Freundschaftsgeschichte vom Bär und vom Tiger auf ihrer Suche nach dem Glück, das sie nirgendwo anders finden als direkt vor der Haustüre. Ein Welterfolg. Ein Buch, ohne das in Deutschland lange keine Kindheit denkbar schien. Mit der "großen Gabe, uns glücklich zu machen", wie Bundespräsident Steinmeier gerade Janosch würdigte.

Seine Erfolgsformel sollte Janosch nicht mehr verlassen. Er hat sie bis zum Überdruss vervielfältigt. In den 1990ern war vom Künstler vor lauter Tigerenten nicht mehr viel zu erkennen. Macht aber nichts, würde eine Janosch-Figur vielleicht sagen. Er hatte ja etwas ganz Eigenes geschaffen. Diese mit der Zeit etwas seriellen Sprüche im typisch verknappten Schnodder-Zen sind eine echte Marke. Auch privat hat er sich eine Persona gegeben, die schwer von seinen besten Figuren zu unterscheiden ist: der schnauzbärtige Eremit, der in seiner Hängematte ein einfaches Dasein auf Teneriffa genießt. Der Erzähler, der dem Publikum Geschichten mit schwankendem Wahrheitsgehalt liefert: Wie er sich umbenannt hat, wie er München verließ (Besitz angezündet!), dass er sich von Frauen bedienen lässt und F. K. Waechter die Tigerente geklaut hat. Oder doch nicht. Wie (fast) das ganze Geld aus der Bär&Tiger-Verkaufsmaschine flöten ging. Oder auch nicht. Als sicher gilt, dass Janosch oft und ohne Tamtam Geld verschenkt, an Waisenhäuser, kranke Kinder, für den Schutz seiner geliebten Vögel.

Und als man ihn vor lauter Postkarten und Waschlappen fast schon vergessen hatte, da kam Herr Wondrak. Der dickliche, verlotterte Schnauzbart beantwortete ab 2013 Fragen von Lesern des Zeit-Magazins. Jede Woche eine. Und das so weise und witzig, dass der Abschied 2019 wehtat. Im Fotointerview des SZ-Magazin wurde Janosch gefragt, wo denn nun eigentlich das Glück zu finden ist. Er zeigte auf den Boden – direkt vor seinen Füßen. Oh, wie schön ist Panama.

Zum 90. Geburtstag erschien "Janosch. Leben & Werk" mit vielen, auch frühen und wilden Zeichnungen. Merlin Verlag, Gifkendorf 2021. 244 Seiten, 38 Euro.