Geschlechter

Die Bilder im Kopf sind stärker als alles andere

Frederike Schlatterer (Ihringen-Wasenweiler)

Von Frederike Schlatterer (Ihringen-Wasenweiler)

Sa, 17. Oktober 2020

Leserbriefe

Zu: "Zeit für Zweitrangiges", Tagesspiegel von Thomas Fricker (Politik, 13. Oktober)
Nach Lesen Ihres Artikels überlegte ich lange, ob die darin erkennbare Haltung tatsächlich die Ihre ist, oder ob Sie vor dem Schreiben nicht so gründlich nachgedacht haben. Das Problem, welches eine Hälfte der Bevölkerung hat, in deren Sprache das generische Maskulinum verwendet wird, ist dieses, dass der Anspruch auf dessen geschlechtsabstrahierende oder geschlechtsneutrale Wirkung nicht erfüllt wird.

Beim Lesen eines generischen Maskulinums erscheinen im Kopf nur die Bilder von Männern, auch in den Köpfen der Frauen. Und da nützt auch die gönnerhafte Bemerkung "ihr seid ja mitgemeint" nichts. Denn Bilder im Kopf sind stärker als alles andere. Ändern sich die Bilder nicht, ändert sich auch nichts im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit im praktischen Leben. Wenn nun, wie bei diesem Versuch der Justizministerin, die einmal willkürlich (von Männern) festgelegte Sprachform umgedreht wird, reagieren fast alle Männer empfindlich, weil sie spüren, dass sie plötzlich nicht mehr vorkommen. Dann wird gespottet, das Geschlecht von Gegenständen et cetera herangezogen, und es wird versucht, das tatsächliche Problem lächerlich zu machen.

Wenn Ihre Zeitung den Anspruch erhebt, ihre Leserinnen gleich stark wie ihre Leser anzusprechen, dann müssen Sie sich mit diesem sprachlichen Problem auseinandersetzen. Ich fände es mutig, aber angemessen, wenn die BZ – mit Ankündigung und Erklärung – eine Woche lang das generische Femininum verwenden würde. Damit käme Bewegung in alle Köpfe. Für eine sprachliche Problemlösungssuche wäre dann schon mal das Problembewusstsein vorhanden.

Frederike Schlatterer, Ihringen-Wasenweiler