Die Dinge des Lebens sind getan

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Di, 19. Mai 2020

Kino

Eine französische Filmlegende: Zum Tod von Michel Piccoli.

In einem seiner letzten Filme, Nanni Morettis "Habemus Papam" von 2011, spielte er einen Papst. Nicht einen bestimmten, dafür einen sehr menschlichen – einen nämlich, der sich dem Petrusamt nicht gewachsen fühlt und deshalb ausbüxt. Was seine Art freilich nie war: Michel Piccoli, der jetzt im Alter von 94 Jahren gestorben ist, hat so ziemlich jede berufliche Herausforderung angenommen, ob im Theater, wo er etwa als King Lear gefeiert wurde, oder im Kino.

Der gebürtige Pariser, Sohn einer italienischstämmigen Musikerfamilie, spielte in mehr als 220 Filmen, darunter so unsterblichen wie "Die Verachtung" (1963) von Jean-Luc Godard, "Tagebuch einer Kammerzofe" (1964), "Belle de Jour" (1967) und "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (1972) von Luis Buñuel, "Das große Fressen" (1973) von Marco Ferreri, "Themroc" (1973) von Claude Faraldo, "Blutige Hochzeit" (1973) von Claude Chabrol, "Trio Infernal" (1974) von Francis Girod, "Die Dinge des Lebens" (1970) und "Der Kommissar und das Mädchen" (1971) von Claude Sautet oder "Die schöne Querulantin" (1991) von Jacques Rivette.

Nicht nur die Liste seiner Regisseure ist illuster, ebenso die der Frauen, an deren Seite er spielte: Brigitte Bardot, Catherine Deneuve, Jane Birkin, Emmanuelle Béart – und, allein in sechs Filmen, Romy Schneider. Auch in ihrem letzten Film, Jacques Rouffios Melodram "Die Spaziergängerin von Sans-Souci" (1982), war er ihr Partner, wiewohl er dort als Naziopfer und Menschenrechtler eine vergleichsweise papierne Rolle spielen musste.

Seine stärksten Auftritte hatte Michel Piccoli immer da, wo seine Virilität und sein merkwürdig trauriger Blick unter dichten schwarzen Brauen nicht bloß als attraktive Oberfläche eines Womanizers, charmanten Teddybären oder guten Menschen benutzt wurde. Was die großen europäischen Autorenfilmer der sechziger, siebziger, achtziger Jahre so meisterlich verstanden, war auch das Talent des Charakterdarstellers Michel Piccoli: die Abgründe der gutbürgerlichen Existenz auszuloten, Egoismus, Leidenschaft und Verbrechen hinter der Fassade des Anstands, des Lebens Schmerz und Schrecken.

Jetzt sind die Dinge des Lebens für die französische Schauspiellegende getan. Was bleibt, sind Dutzende von Filmen, die man wieder und wieder anschauen möchte.