Mobilität

Die Fahrradbranche ist einer der Gewinner der Krise

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Mo, 08. Juni 2020 um 15:20 Uhr

Auto & Mobilität

Der Sonntag Wegen der Corona-Pandemie stellte sich die Fahrradhändler auf eine Krise ein – doch dann kam alles anders. Die Radbranche boomt, denn Räder sind nicht nur Transport- sondern auch Sportmittel.

So richtig bewusst wurde es Dominik Rombach am Pfingstmontag. Als der 40-Jährige mit seinem Rennrad auf den Thurner bei St. Märgen fuhr. "Da war es gerammelt voll, überall Radfahrer mit ihren Familien. Das habe ich noch nie erlebt", sagt der Fahrradmechaniker, der seit drei Jahren die Radbox in der Freiburger Wiehre betreibt. Die vollen Straßen als symbolhafter Ausdruck des Fahrradbooms.

In der Pandemie steigen die Menschen aufs Rad

Auf Anfrage spricht der Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) von einer "derzeit hervorragenden Verkaufssituation". Velobiz, das Fachportal für den Fahrradmarkt, rechnet aktuell für das Jahr mit einem Umsatzplus von mindestens 12,5 Prozent – trotz coronabedingtem Lockdown. Nach den Kontaktsperren ist vor dem Fahrradboom. Hans-Peter Obermark vom VDZ sagt: "Die durch die Lockdown-Phase verursachten Umsatzeinbrüche wurden immens schnell wieder eingefahren und unter Einfluss der anderen Faktoren teils getoppt." Weil zuletzt auch das Wetter stimmte und die Zeit aufgrund der Einschränkungen groß war, hat es mehr Menschen als sonst aufs Rad getrieben.

Auch Dominik Rombach hat das so beobachtet. Seine Radbox und seine Werkstatt in einem ehemaligen Restaurant in der Freiburger Erwinstraße werden derzeit so stark frequentiert wie selten zuvor. Hinter der Theke aus Holzstämmen drängen sich regelmäßig die Kunden. Mit Abstandsregel und Mundschutz. "Die große Nachfrage hat uns fast überrumpelt", sagt der Radfan. Mit seinen vier Mitarbeitern versucht er, den Ansturm zu meistern. Denn der Boom hat vielfältige Folgen.

Auch die, dass der Fahrradmechaniker mehrmals täglich auf den Recyclinghof fahren muss. Viele Bestellungen bedeuten viel Verpackung. So viel, dass die ganze Kartonage nicht mehr in die eigenen Müllboxen passt.

Das Verkaufshoch aber kommt der Radbox gelegen. Sie haben in den letzten Wochen eine regelrechte Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Erst der Lockdown und damit die Ankündigung, den Laden zu schließen. Kurzarbeit anmelden. Dann der große Umschwung. "Weil wir den Individualverkehr stärken, hieß es, dass wir die Werkstatt aufmachen dürfen", sagt Rombach.

Das hieß schnell umdisponieren – vom Lockdown in den Verkaufsmodus innerhalb von zwei Wochen. "Man kann es noch nicht genau absehen, aber derzeit haben wir mindestens 30 Prozent mehr Absatz, vielleicht sogar 40. Wir kommen täglich an unsere Kapazitätsgrenze", sagt Rombach.

"Fahrräder sind das neue Klopapier." Andreas Bieg, Lörrach
Philipp Franke geht es ähnlich. Seit diesem Jahr ist er nach einer längeren Pause wieder Mitinhaber von Extratour. Obwohl es aufgrund von Corona lange anders schien, wird es wohl ein gutes Jahr werden, glaubt er. Mit ihren 17 Mitarbeitern bedienen sie bei Extratour am Freiburger Schwabentorring Verkauf und Werkstatt. Auch hier mussten sie Kurzarbeit anmelden.

Keine vier Wochen später rennen die Kunden ihnen den Laden ein. "Die große Problematik ist, dass die Händler kaum mehr liefern können. Viele unserer Pos-ten sind ausverkauft", sagt der 41-Jährige. Und in der Werkstatt hat die starke Nachfrage die Wartezeiten auf vier Wochen anwachsen lassen.

"Fahrräder sind das neue Klopapier", meint Andreas Bieg, Inhaber des gleichnamigen Fahrradladens in Lörrach mit fünf Mitarbeitern. "Wenn ein Fahrradhändler jetzt keine Räder absetzt, hat er ein Problem." Speziell E-Bikes gehen in Lörrach durch die Decke. "Die interessanten Räder sind bereits ausverkauft." Einen gewissen Bammel hat er allerdings vor dem 15. Juni – dem Tag, an dem die Grenze zur Schweiz öffnet. "Wir lieben alle unsere Schweizer Kunden", sagt der 49-Jährige, der seit 1994 seinen Laden führt, "aber wir befürchten einen Ansturm".

Egal, wen man fragt, das Bild ist überall das gleiche. Die Radgeber in der Schnewlinstraße in Freiburg beispielsweise haben keine freie Sekunde. Coronabedingt sind sie unterbesetzt, gleichzeitig müssen sie aber erhöhte Anfragen bearbeiten. Für ein Gespräch ist keine Zeit.

Besonders gefragt: E-Bikes, MTB, Trekking- und Gravelbikes

Am meisten gefragt sind E-Bikes, Trekkingräder, Mountainbikes, immer wieder aber auch Gravelbikes – eine Mischform aus Trekking- und Mountainbike. Der VDZ verweist darauf, dass sich das Hoch in längere Trends einordnet. Vor allem auf das E-Bike trifft das zu: "Der Trend zum Elektrorad ist ungebrochen und wird durch den Trend zu Urlaub in Deutschland nochmals verstärkt." Hinzu kommt, dass sich laut Verband seit Jahren eine regelrechte Mobilitätswende Bahn bricht. Anstatt Auto wird Zweirad gekauft. Und das auch gern teurer. Immer mehr Menschen greifen tiefer in die Taschen. Oder leasen sich Räder, die sie sich sonst nicht leisten könnten, wie der VDZ erklärt.

Auch in Freiburg finden Leasing- oder Mieträder großen Absatz. Die Stadt hat ihr Mietradangebot Frelo nach einem starken Premierenjahr weiter ausgebaut. Über 16 500 Menschen nutzen das Angebot aktuell. Im Schnitt wird jedes der insgesamt 400 Fahrräder in 54 Stationen zweimal pro Tag ausgeliehen.

Der holländische Anbieter swapfiets schreibt in der Unistadt ebenfalls starke Zahlen. Die blauen Räder sind an jeder Ecke zu sehen. Genauso wie die orangenen Velos der dänischen Firma Donkey Republic. Ähnliches bietet die Bahn (Call a Bike) und der Verleih in der Radstation. Kostenlose Fahrräder kann man mit dem Angebot Werbevelo erhalten, die sich über Werbeaufdrucke finanzieren.

"Wir müssen täglich zwischen 20 und 30 Pakete fertig machen." Thomas Niehaus, Freiburg
Thomas Niehaus begrüßt einen zum Kaffee in seinem Gebrauchtradladen in der Wiehre. "Ich muss täglich mindestens zehn Leute wegschicken", sagt der Radexperte, der seit 1985 Zweiräder in Freiburg auf- und verkauft und zusätzlich eine Werkstatt sowie einen Onlineshop betreibt. Vor allem über Ebay verkauft er gerade Ersatzteile wie nie zuvor. "Wir müssen täglich zwischen 20 und 30 Pakete fertig machen." Momentan arbeiten er und seine drei Mitarbeiter im Akkord. Niehaus verweist aber auf eine Änderung im Vergleich zu den Vorjahren. Zu seinen stärksten Abnehmern zählten nämlich immer Austauschstudierende, die in Freiburg ihre Auslandssemester verbrachten. "Die sind dieses Jahr nicht da." Corona hat die Grenzen dicht gemacht.

Will man den aktuellen Boom genauer verstehen, ist man bei Werner Metzger an der richtigen Stelle. Der 66-jährige Freiburger ist so etwas wie der Fahrradpapst Baden-Württembergs. Metzger ist der Obermeister der Zweiradmechaniker-Innung des Landes. In dritter Generation seiner Familie bringt er die Räder auf Vordermann. Mittlerweile hat der Sohn die Werkstatt übernommen. "Die Nachfrage ist gigantisch", sagt auch Metzger. Er betont allerdings, dass es viel Nachholbedarf gebe. "Der VDZ rechnete während den großen Kontaktbeschränkungen mit einem Rückgang von bis zu 60 Prozent. Metzger warnt zudem: "Wenn die Reisewarnungen jetzt aufgehoben werden, wird der Verkauf zurückgehen." Überhaupt findet Metzger, dass man durchaus einmal ins Nachbarland schauen könne. In Italien nämlich plane der Staat, seine Bürger und Bürgerinnen mit 500 Euro Verkaufsprämie für Räder zu unterstützen.

"Wir haben Nachholbedarf", sagt Metzger deshalb. Radwege verbreitern, Lastenräder subventionieren, den akuten Mangel an qualifizierten Fachkräften angehen – der Obermeister sieht viele Baustellen. Die riesige Nachfrage ist für ihn auch nicht beispiellos. Als in den 1970er-Jahren der Ölpreis fiel und die Regierung autofreie Sonntage einführte, da hätten die Deutschen auch Räder in Unmengen gekauft. "In den 1980er-Jahren folgte dann der Mountainbike- und kurz darauf der Treckingradboom", erinnert sich Metzger. Und vom E-Bike spreche man ebenfalls bereits seit den 1990er-Jahren. Ganz außergewöhnlich ist das derzeitige Hoch also nicht.