Porträt

Die Freiburger Band Nikedo sorgt für Kino im Kopf

Vincent Zeile

Von Vincent Zeile

Fr, 06. Dezember 2019 um 18:36 Uhr

Der gute Ton (fudder)

Auf der aktuellen EP "Aus dem Bauch" zeigen die vier Jungs mit eingängigen Melodien, ausgeklügelten Grooves und Instrumentalparts, dass deutschsprachige Singer-Songwriter-Musik durchaus überraschen kann. fudder hat die Freiburger Band getroffen.

Die Band

Die Freiburger Band setzt sich aus vier Musikern zusammen: Gesang und Gitarre (Dominik Kempf), Gitarre (Reto Feßler), Keyboard (Johannes Wolf) und Daniel Bath am Schlagzeug. Zusammen auf der Bühne stehen die vier seit ungefähr einem Jahr. Gitarrist Reto Feßler und Sänger Dominik Kempf machen schon seit mehr als drei Jahren zusammen Musik. Kennengelernt haben sie sich über Retos Frau, die mit Dominik vor längerer Zeit mal in einer Band gewesen ist. Erweiternd unterstützt wurde das Duo zuerst durch Johannes Wolf, der mit dem Keyboard bei Auftritten im Räng Teng Teng und in der Mensabar dazu kam. Schnell war klar, dass diesem Dreiergespann noch ein Schlagzeuger folgen sollte. So fiel die Wahl auf Daniel, der das Duo von Reto und Dominik bei einem Wohnzimmerkonzert kennenlernte.

Aus dem Bauch – kein Genre passt so richtig

Auf der aktuellen EP "Aus dem Bauch" zeigt die Band Nikedo mit eingängigen Melodien, ausgeklügelten Grooves und Instrumentalparts, dass deutschsprachige Singer-Songwriter-Musik durchaus überraschen kann. Mit durchdachten Arrangements schaffen es die vier Jungs das Publikum mit besonderer Stimme, Text und Ton auf frische Art zu erobern.

Diese Selbstbeschreibung macht es nicht ganz so leicht, Nikedo einem bestimmten Genre zuzuordnen. So sieht der Keyboarder Johannes Wolf vollkommen richtig, dass es sich bei der Bezeichnung Singer-Songwriter vielmehr um eine Art und Weise des Produzierens der Musik handelt, und damit kein bestimmter Musikstil beschrieben wird. Auch Deutsch-Pop als Genre passte vielleicht noch zu dem damals bestehenden Duo aus Reto und Dominik, aber spätestens seit dem Einstieg von Johannes und Daniel passen diese Beschränkungen nicht mehr ganz.

Die Texte sind alle auf Deutsch, sie sind eingängig, tiefgründig und versprühen einen Hauch von Melancholie, die sich zugleich nach dem Refrain schnell in eine sanguinische Stimmung erhebt, um in der Strophe wieder in den vertrauten Mantel der Melancholie zurückzukehren. Dabei darf die Musik nicht auf die Texte reduziert werden, obgleich diese die Stimmung vorzeichnen, der die Musik nachzugehen versucht. Viele Songs stammen noch aus früheren Tagen und wurden schon im Duo gespielt. Deshalb ist das musikalische Arrangement durch Schlagzeug und Keyboard in seiner Dimensionalität erweitert worden und nicht von Grund auf neu entstanden.

Doch es sind schon neue Stücke geplant, die nicht auf ein bereits bestehendes Gerüst aufzubauen haben, sondern aus gemeinsamer Feder entspringen können. Dabei verschließen die vier keine Tür und haben ebenso Lust ihre Musik mit Jazz und Funk anzureichern. Auch eine Portion Rock darf dabei sein, was bei einem der Gitarrensoli von Reto auch mal liebevoll als "Metal-Spaziergang" bezeichnet wird. Dabei darf es für die Jungs auch nicht zu poppig sein, sondern, wenn es mal droht zu glatt zu werden, wird mit einem rockigen Gitarrensolo dagegen gearbeitet. "Wenn wir uns einem Genre zugehörig erklären müssten dann vielleicht Electrified-Songwriter-Pop", sagt Johannes Wolf.

Musik machen ist nicht gleich Musik machen

Die vier Musiker haben unterschiedlichste musikalische Hintergründe, die in einer ebensolchen Diversität des Arrangement der Songs münden. So sind Reto und Johannes für ihren Perfektionismus bekannt und dementsprechend reiht sich die Formulierung Retos in diese These nahtlos ein: "Ich finde es eben erst geil, wenn man die Musik schleift wie einen guten Edelstein". Der Drummer Daniel würde manchmal am liebsten einfach "drauflos hämmern" und sieht im musikalischen Ausprobieren den Schlüssel zum Erfolg. Auch Sänger Dominik probiert gerne vieles einfach aus.

Dabei sorgen diese unterschiedlichen Herangehensweisen dafür, dass die Musik nicht zu glatt wird, sondern einen ganz eigenen Charakter erhält, da die Jungs auch immer wieder auf neue Ideen kommen. Dort, wo Reibung passiert, entsteht Energie. Diese wissen die vier Jungs auf der Bühne zu entladen, ergänzen sich damit ganz prächtig und sorgen somit für einem unverwechselbaren Sound.

Nikedo sorgt für Kino im Kopf

"Es ist keine seichte Bildsprache oder ein Floskeln-Abfrühstücken, sondern es sind Texte mit Tiefgang, die zum Nachdenken anregen sollen. Und musikalisch halt: Klar —Weltklasse! Da sind wir uns, glaube ich, alle einig", beschreibt Drummer Daniel mit einem Hauch Ironie, die eigenen Texte und Musik.


Die Texte stammen alle aus der Feder des Lead-Sängers Dominik. Zu den meisten Texten gibt es reale Geschichten oder Situationen, die ihn dazu inspiriert haben. "Da steckt meinst eine ganz konkrete Geschichte dahinter, die ich dann mit netten Metaphern zu verschlüsseln versuche, damit die Geschichten privat bleiben, die Gefühle allerdings als Essenz in den Liedern bleiben."

Die Codierung der Songs in ein abstraktes Format dient nicht nur dem Selbstschutz des Verfassers, sondern begünstigt auch die Interpretationsvielfalt des Hörers. So kann der Song "Kopfkino" gleich mehrere Spielräume eröffnen. In Zeilen wie "In Gedanken kann ich alle Wege gehen" kann ein Indiz für die Freiheit des Denkens gesehen werden, einem Rückzugsort, in dem alles gedacht werden kann, in dem wiederum andere den Zwang des Denkens vorfinden. Ein ständiger Film läuft im Bewusstseinsstrom ab, der nicht von der Leinwand zu bekommen ist, wie ein ewiger Abspann der Namen an die Kinoleinwand wirft, ohne enden zu wollen, "Ich kann nicht aufhören, der Film bleibt nicht stehen". Der Interpretation sind keine Grenzen gesetzt, die Lieder lassen die Gedanken springen, und somit sorgt Nikedo beim Zuhörer selbst mit ihrer Musik für ein Kino im Kopf.



Der Name "Nikedo" kann alles und nichts sein.

Dass der Name in Verbindung mit dem Namen des Sängers Dominik Kempf steht und eine bloße Wortspielerei dessen sein könnte, soll reine Spekulation bleiben. Vielmehr klingt der Name interessant und soll einladen, neugierig ohne Vorurteil durch den Namen, die Musik ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken lassen. Nikedo — das kann alles und nichts sein, darin liegt die Pointe.

Die Badner und der Schwabe

Der einzige Schwabe der Vierer-Combo bestreitet selbst allerdings seine Zugehörigkeit zum Schwabenländle. So erzählt Dominik gerne, dass es sich bei der Ortschaft Sigmaringen, seinem Heimatort, um eine badische Enklave in der sonst schwäbischen Region handle. Dabei wird die Feindschaft zwischen Schwaben und Badner, auf humoristische Art und Weise, leicht überspitzt in den Banddiskurs eingewoben, und dient vielmehr der Unterhaltung und keiner tiefergreifenden Feindseligkeit. Die vier nehmen sich dabei nicht allzu ernst und können während der Probe auch über den ein oder andern Witz auf Kosten eines Bandmitglieds lachen, ohne böse aufeinander zu sein. Die Atmosphäre ist ausgelassen, unterhaltsam; konzertiert sich aber dennoch aufs Wesentliche: die Musik.

Klimperstube — mehr als ein Probenraum, ein Ort der Begegnung

Die Klimperstube bietet, wie der Name schon erraten lässt, ein gutes Ambiente, um sich musikalisch auszuprobieren und andere Musiker kennenzulernen. In diesen "Heiligen Hallen" kommen die vier Jungs von Nikedo einmal in der Woche zum Proben zusammen. Der Schlagzeuger Daniel Bath hat die Klimperstube mitgegründet und somit den Weg geebnet für einen perfekten Proberaum. Die Grundidee hinter der Klimperstube ist, neben der Räumlichkeit zum Proben, einen Ort der Begegnung zu schaffen. Teil des Konzeptes ist es, am Wochenende Konzertbesucher willkommen zu heißen. Die Räumlichkeiten sind für etwa 50 Besucher ausgelegt, und erhält sich somit einen besonderen Wohnzimmercharakter. Die Jungs von Nikedo proben nicht nur in der Klimperstube, sondern hatten jüngst auch schon einen Auftritt dort. Die Veranstaltungen kosten keinen Eintritt, allerdings wird um Spenden gebeten (Hut geht rum).

Mehr dazu: Klimperstube

Was ist als nächstes geplant?

"Weltherrschaft — bescheiden wie immer.", sagt Daniel und lacht dabei. "Spaß bei Seite, für nächstes Jahr ist auf jeden Fall eine Tour geplant, vielleicht auch zwei" erzählt Reto. Dabei wollen sie der Region jedoch treu bleiben und im 300 km-Radius um Freiburg Konzerte spielen. Neben den bereits vier veröffentlichten Videos soll ebenso eine neue Single mit Video im neuen Jahr folgen. Es bleibt spannend und wir können uns nur darauf freuen, was Nikedo uns im neuen Jahr präsentieren wird.



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