Die Herrschaft der Barden

Mechthild Blum

Von Mechthild Blum

Mi, 07. April 2021

Literatur & Vorträge

Dylan Farrows Roman "Hush – Verbotene Worte" stellt die Frage nach der Wahrheit von Erinnerung.

Magie ist die Essenz aller Fantasy-Romane. Mit Magie lassen sich Geschichten jenseits jeder Wahrscheinlichkeit durch unterschiedlichste Handlungsstränge treiben; lassen sich Personen und Räume immer wieder aufs Neue unerwartet verwandeln, neue Welten erschaffen und Lösungen präsentieren, die voller Wunder sind. Montane ist so eine Welt. Dylan Farrow hat sie in ihren Erstlingsroman "Hush – Verbotene Worte" erschaffen, der jetzt auf Deutsch erschienen ist und zuvor schon in den USA für großes Aufsehen sorgte. Allerdings in erster Linie wegen der höchst unerfreulichen Familiengeschichte der Autorin, in der ihr Vater wie ihre Mutter unrühmliche Rollen spielen. Das alles haben die Boulevardpresse – und auch andere Medien – genüsslich ausgebreitet. Davon soll hier jetzt aber nicht die Rede sein.

Denn "Hush" beschreibt ein Phänomen, dass gerade heranwachsende Menschen nur zu gut kennen: Die Frage nach der Wahrheit dessen, an das man sich zu erinnern glaubt. Das gilt besonders für die Verwicklungen in der Geschichte des Teenagers Shae, der Hauptfigur in "Hush", die in einer Art Tolkien-Zeit spielt, in der aber nichts aufgeschrieben, nichts gelesen werden darf und die Liste der verbotenen Worte lang ist. Geschehenes existiert allein in den Köpfen der Beteiligten und jenen, denen davon erzählt wurde. In diesem Fall der verarmten Bevölkerung des völlig heruntergekommenen Ort Aster, wo die Herrscherclique der reichen Barden aus dem Hohen Haus wie Götter wegen ihrer Zauberkräfte verehrt wird: Sie können unter anderem das Wetter ändern, Häuser zum Einstürzen und verdorrte Felder zum Blühen bringen.

Wer den Gesetzen der Barden zuwiderhandelt, wird mit einer tödlichen Krankheit gestraft, die sich wie Tintenflecken auf der Haut ausbreitet. Shaes Bruder starb daran. Und auch ihr Vater ist tot. Ihre Mutter spricht nicht mehr, seit der Bruder gestorben ist. Als Shae sie eines Tages tot auffindet, macht sie sich auf den Weg ins Hohe Haus. Sie will herausfinden, wer sie ermordet hat. Dort trifft sie auf den Herrscher über Montane, Lord Cathal. Von ihrer verborgenen Kraft überzeugt, lässt er sie zur Bardin ausbilden. Auch Ravod, der schöne und geheimnisvolle Barde, auf den Shae immer wieder zu ihrer Freude trifft, interessiert sich für sie. Und warnt sie vor Cathal.

Nicht immer erzählt Farrow frei von Klischees und verheddert sich auch schon mal. Aber sie versteht es, immer wieder aufs Neue Spannung zu erzeugen. Shae, die auf so dramatische Weise zum Waisenkind geworden ist, begibt sich dennoch unter Cathals Obhut und auf die verwirrende, hindernisreiche Suche nach der Wahrheit. Sie hofft, sie hinter allen Begebenheiten, von denen ihr inzwischen die unterschiedlichsten Versionen erzählt werden, zu finden. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der lernen muss, die Ambivalenzen des Lebens auszuhalten, Selbstwertgefühl zu entwickeln und einen für sich einen stimmigen Weg zu finden.

Dylan Farrow: Hush – Verbotene Worte. Roman. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Loewe Verlag, Bindlach 2021. 416 Seiten, 19,95 Euro. Ab 14.