Die Hölle des Anderen

Marcel Burkhardt

Von Marcel Burkhardt

Sa, 18. Juli 2009

Mauerfall

Wehrlos in den Fängen der Stasi, dieses Gefühl verfolgt Mario Röllig seit 22 Jahren – fast wäre er daran zerbrochen, heute kämpft er dagegen an.

Er hatte alles bestens verdrängt. Und dann steht dieser Mann vor ihm: Groß, kräftig, gutaussehend – mit einer unverwechselbar weichen Stimme. Mario Röllig kennt sie aus 200 Stunden Verhör. Er beginnt zu zittern. Der Mann will kubanische Zigarren, für 1600 Mark. Röllig ballt die Fäuste unterm Ladentisch. Soll ich ihm jetzt gleich eine in die Fresse hauen? Ein Gedankenblitz nur, er hat im "Kaufhaus des Westens" einen guten Job, den er nicht verlieren will. "Sie werden uns nie vergessen", hatte ihm der Vernehmer der DDR-Staatssicherheit 1987 gesagt. Nun, die DDR ist seit neun Jahren Geschichte, stehen sich Täter und Opfer von einst wieder gegenüber.

Röllig ringt mit sich, bedient den Mann. Dann gibt er sich einen Ruck. Für ein paar Worte der Reue. "Kennen Sie mich noch?" Der Mann schüttelt den Kopf. "Hohenschönhausen, Stasi-Gefängnis, Sie waren mein Vernehmer – wollen Sie sich nicht entschuldigen?" Was dann geschieht, kann der heute 41 Jahre alte Mario Röllig noch immer schwer in Worte fassen. "Er hat mich vor allen Kollegen und Kunden angeschrien: Für was denn entschuldigen? Sie sind doch ein Verbrecher!"

Das ist zu viel, damals, Röllig bricht zusammen. Die alte Angst kriecht in ihm hoch. Gedanklich steckt er wieder im Stasi-Gefängnis, fühlt sich schutzlos. Noch am selben Abend schluckt er eine Überdosis Schlaftabletten. Freunde finden ihn. Er muss in die Psychiatrie. "Ich war innerlich völlig verkrüppelt", sagt der Berliner heute.

Dass er sich jetzt wehren kann, verdankt er auch Ärzten, die bei ihm eine "posttraumatische Belastungsstörung" erkannt und ihn wieder aufgerichtet haben. Mit einem heimtückischen Effekt der Krankheit musste er lernen, umzugehen: Es reicht ein Reiz, etwa ein bestimmtes Geräusch, und die Vergangenheit fängt den Patienten wieder ein. So zuckt Röllig zusammen, wenn ein alter B-1000-Lieferwagen an ihm vorbeituckert. Bei hellem Neonlicht wird ihm übel.

Der Psychotherapeut Dr. Karl-Heinz Bomberg betreut seit 15 Jahren ehemalige Häftlinge der Staatssicherheit in seiner Berliner Praxis. "Psychisch Traumatisierte neigen ...

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