Offenburg

Die Jugend räumt auf mit Vorurteilen über Videospiele

Tilmann Krieg

Von Tilmann Krieg

So, 12. Mai 2019 um 16:34 Uhr

Offenburg

Der junge Offenburger Verein "Schiller LAN" hat die Eltern-Generation zu einem Abend über Videospiele eingeladen – und dazu in der Mensa des Schiller-Gymnasiums Spielstationen aufgebaut.

Macht Fernsehen dick? Macht Internet einsam? Machen Videospiele aggressiv? Die Themen und Techniken wechseln, die Fragestellungen und Vorurteile bleiben von Generation zu Generation. Oft verstehen Eltern und Ältere nicht die Welten, in denen sich Jugendliche, zumal die eigenen Kinder aufhalten. Hier Transparenz und Dialog zu schaffen, ist den jungen Menschen des gemeinnützigen Vereins "Schiller LAN" ein Anliegen. Die Mitglieder sind Schüler oder ehemalige Schüler des Offenburger Schillergymnasiums, die am Freitag zu einer gut vorbereiteten Veranstaltung in die Mensa eingeladen hatten.

Videoprojektionen und der Vortrag von Fabian Karg, einem freien Dozenten "für zeitgemäße Bildung" gaben einen Einblick in die Vielfalt und Bedeutung von Videospielen. "Gaming ist kein Randgruppen-Phänomen", machte Karg gleich zu Anfang seines Referats deutlich: 110 Milliarden Dollar seien weltweit 2018 für Videospiele ausgegeben worden, nahezu das Dreifache des Umsatzes der Hollywoodindustrie an den Kinokassen – "Nur, damit wir mal wissen, über was wir hier reden".

Gemeinschaftliches Spielen sei so alt, wie die Menschheitsgeschichte, ein wichtiger Baustein im sozialen Zusammenhalt. "Homo ludens – der Mensch ist ein Spieltier". "Aber wenn wir früher gespielt haben", wirft eine Zuhörerin ein, "haben wir uns zumindest bewegt".

Es entspinnt sich eine Diskussion über Maß und Sinn, über Kontrolle und Steuerung durch die Eltern, über Eigenverantwortung und Einsicht der Jugendlichen.

"Vertrauen und das richtige Maß" seien ausschlaggebend, schlägt der Referent vor, nicht jedes Spiel könne in jedem Alter an die Jugendlichen herangelassen werden, andererseits sei manchmal ein 12-jähriger schon reifer, als ein 16-jähriger an anderer Stelle. Und – es gehe hier nicht in erster Linie um brutale Ego-Shooter. Viele Spiele würden gemeinsam gespielt, beispielsweise auf LAN-Partys, wie sie auch der Verein "Schiller LAN" veranstaltet, aber auch weltweit, über Grenzen und Kontinente hinweg. "Mein Zehnjähriger spricht mit seinem australischen Spielpartner ganz selbstverständlich englisch", berichtet ein Vater.

Auch über den Spracherwerb hinaus gibt es positive Seiten: Viele Spiele seien so aufgebaut, dass man gemeinsam eine Aufgabe lösen muss, oder seine virtuelle Welt erst aufbaut, Infrastrukturen anlegt und dadurch entwickelt. Oder man müsse Strategien ausknobeln, um gemeinsam ein Ziel, ein nächstes Level zu erreichen.

Nicht begeistert ist Diskussionsleiter Karg von den Spielen mit Phones oder Tablets, die oft durch freien Download die Spieler anfixen, um sie in entscheidenden Momenten vor eine "Paywall" zu führen, wo bezahlt werden muss, um weiterspielen zu können. Immer komme es auch auf das richtige Maß und Ausgleich im realen Leben an – hier, das wird deutlich, können Eltern und Erzieher nicht aus ihrer Verantwortung entlassen werden. Die jugendlichen Gastgeber von "Schiller LAN" hatten sich während der Diskussion weitgehend im Hintergrund gehalten.

Liebevoll hatten sie den großen Raum mit Spielstationen ausgestattet, die nach der Diskussion zum gemeinsamen Spiel bereitstanden. Und sofort entwickelten sich bei Älteren und Jüngeren Spaß und Leidenschaft, man half sich gegenseitig ins Spiel, es wurde viel gelacht und probiert. Macht Computerspielen einsam? Der Abend schien das Gegenteil zu beweisen.