Zischup-Interview

"Die Leute sehen nur das Äußere"

Miradije Jusufi, Klasse 9c, Wentzinger-Gymnasium Freiburg

Von Miradije Jusufi, Klasse 9c & Wentzinger-Gymnasium Freiburg

Do, 18. Juni 2020 um 16:54 Uhr

Schülertexte

Über das Kopftuch wird viel gestritten. Miradije Jusufi aus der Klasse 9c des Wentzinger-Gymnasiums in Freiburg hat darüber mit zwei Frauen gesprochen – einer Ordensschwester und einer Muslima.

In Deutschland leben Menschen aus allen möglichen Kulturen, darunter auch Frauen mit Kopftuch. Momentan wird viel um ein Kopftuchverbot diskutiert, aber wie fühlen sich die Betroffenen selbst? Erleben sie Diskriminierung? Ich habe mich viel mit dem Thema beschäftigt und mich entschlossen, eine muslimische Kopftuchträgerin und eine Ordensschwester zu befragen, wie es ist, in Deutschland ein Kopftuch zu tragen. Meine Gesprächspartnerinnen waren Najua M., 21, geboren in Freiburg im Breisgau, und Schwester Ana Lioba F., 85, Barmherzige Schwester vom Hl. Vinzenz von Paul

Zischup: Fühlen Sie sich in Deutschland wohl mit ihrem Kopftuch?
Najua: Einerseits ja, andrerseits nein. Kommt auf die Situation an, es gibt nämlich Leute, die mich akzeptieren so wie ich bin, aber natürlich auch Leute, die das nicht tun.
Schwester Ana: Ja total! Klar gibt es ein paar Ausnahmen, aber im Wesentlichen schon.
Zischup: Werden Sie aufgrund des Kopftuchs auf der Straße seltsam angeschaut?
Najua: Oh Ja! Sehr oft werde ich mit hasserfüllten Blicken angeschaut, höre Sprüche wie "Geh zurück in dein Land", "Dein Vater ist doch ein Terrorist!" oder ich werde sogar grundlos angespuckt. Aber natürlich gibt es auch genügende Leute, welche mich unterstützen.
Schwester Ana: Klar gibt es seltsame Blicke oder Sprüche wie "Schwester, wo sind ihre Haare" oder "Sie hat keinen Mann gefunden, deshalb ist sie eine Schwester geworden," aber ich blende das aus und höre nicht drauf.

Zischup: Was denken Sie, woran das liegt?
Najua: Ich glaube, es liegt daran, dass die Leute ganz falsch vom Islam denken. Der Islam wird immer sehr schlecht dargestellt, weshalb sowas wie ein Islamhass entstanden ist. Leute denken sofort an Unterdrückung, Terror und Flüchtlinge.
Schwester Ana: Fehlendes Wissen. Die Leute sehen nur das Äußere, aber der Inhalt fehlt ihnen.
Zischup: Denken Sie, dieses falsche Bild wird irgendwann ein Ende haben?
Najua: Ich hoffe es sehr, aber ich glaube, es wird nicht so sein, da der Islamhass immer schlimmer wird. Ich finde das aber total falsch, denn wenn ein paar Moslems schlecht sind, heißt es nicht, dass alle so sind.
Schwester Ana: Nein! Es hört nicht auf, die Menschen ändern sich nicht oder nicht so schnell. Von heute auf morgen wird es nicht aufhören.

Zischup: Haben Sie durch ihr Kopftuch Nachteile im alltäglichem Leben?
Najua: Ja, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, in der Ausbildung, in der Schule und sogar in Geschäften. Ich bin hier geboren, habe ein guten Abschluss, ich spreche sechs Sprachen, aber dennoch wurde ich bei keinem Ausbildungsplatz angenommen. Ich habe es überall versucht, aber das Kopftuch schreckt die Leute ab. Sogar in Modegeschäften höre ich sowas wie "Für sie gibt es hier nichts zum Anziehen".
Schwester Ana: Nicht wegen dem Kopftuch selbst, aber als Schwester ist man in seiner Freiheit schon etwas eingeschränkt, zum Beispiel hat man nicht sein eigenes Geld. Wenn man etwas braucht, muss man das Oberhaupt darum bitten.


Zischup:
Würden Sie sagen, dass es in anderen Ländern einfacher ist, ein Kopftuch zu tragen?
Najua: Ich glaube, es ist einfacher in Ländern, wo der Islam weiter verbreitet ist, aber allgemein liegt es nicht am Land, sondern an den Menschen.
Schwester Ana: Ja, vielleicht in Ländern wie Frankreich, wo das Christentum die Basis ist.
Zischup: Wie stehen Sie zu einem Kopftuchverbot?
Najua: Ich kann es gar nicht nachvollziehen. Ist es wirklich so schlimm, ein Kleidungsstück mehr am Körper zu tragen? Wieso beunruhigt ein einfaches Tuch die Menschen so sehr? Ich meine, Hüte trägt man auch auf dem Kopf. Sollten Hüte auch verboten werden?
Schwester Ana: In manchen Berufen finde ich das angemessen, aber im Allgemeinen herrscht Religionsfreiheit. Jeder darf diese Religion ausüben, die er für richtig hält.

Zischup: Was würden Sie den Menschen mitgeben?
Najua: Beurteilt Menschen nicht nach dem Aussehen, an der Herkunft oder Religion. Wir alle sind Menschen, und das ist das, was zählt! Keiner verdient es, nicht gut behandelt zu werden!
Schwester Ana: Leben und leben lassen! Zeigt etwas Toleranz, denn auf der Welt ist nicht jeder gleich und das ist auch gut so!