Die Mundartjury hatte es nicht leicht

Bettina Schaller

Von Bettina Schaller

Mi, 16. Oktober 2019

Lahr

Kathrin Ruesch und Willi Keller haben in den Sparten Prosa und Lyrik die ersten Plätze des Lahrer Mundartpreises belegt.

LAHR. Zum siebten Mal ist am Montag der Lahrer Mundartpreis vergeben worden, bereits zum fünften Mal fand die Autorenlesung und Preisverleihung in der Regie der städtischen Mediathek statt. Fünf Mundartautorinnen und -autoren erhielten eine vom Holzschnitzer Adrian Burger angefertigte Holz-Murre, den an das Lahrer Gebäck angelehnten Preis.

"In diesem Jahr ist es der Jury extrem schwergefallen, sich zu entscheiden", erklärte Moderator Heinz Siebold. Er zitierte in seiner Begrüßung Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der sich in einem BZ-Interview zur Mundart bekannt hatte: "Der Dialekt ist keine Schwundstufe der Standardsprache, kein Ausdruck mangelnder Sprachkompetenz." Durch seine Vielfalt und Originalität ermögliche der Dialekt vielmehr eine differenziertere Verständigung, die die Hochsprache an manchen Stellen nicht immer zu leisten vermag, so Kretschmann.

Der Moderator fragte Bürgermeister Tilman Petters als Nicht-Alemannen zu seinen Erfahrungen mit dem Dialekt. Er berichtete: Als Student hatte er Spitz auf Knopf den Zug erwischt. "Das war arschknapp", habe ein Zugbegleiter kommentiert, und ein Zuggast mahnte, nicht so unanständig zu sprechen. Seine Antwort: "Im Hessischen ist arschknapp nicht unanständig, sondern ein Wort für eng bemessene Zeit."

Die Zuhörer im Gewölbe der Mediathek – der Andrang war so groß, dass nachbestuhlt werden musste – kamen in den Genuss von spannenden, amüsanten Geschichten und Gedichten. Mit Lyrik, "der schwersten Form", so Heinz Siebold, begann die Preisverleihung. Die Laudatio auf die Preisträger hielt Stefan Pflaum. Im Gedicht von "Bis zum geht nimm" von Wendelinus Wurth (zweiter Platz), das von der Vergänglichkeit handelt, windet sich eine Ackerwinde "bis zum geht nicht mehr" um diverse Pflanzen und Bäume. "Die Metrik ist modern und gewöhnungsbedürftig", sagte Pflaum. Die Wortspielereien mit Metrik und Rhythmus sowie mit den Zeilensprüngen zeigen die poetische Spielfreude Wurths. "Mit dieser modernen Form wollen wir auch Jüngere animieren, sich am Wettbewerb zu beteiligen", so Pflaum.

In der Sparte Prosa gibt es zwei zweite Preise

Im Kontrast dazu stand das Gedicht von Willi Keller aus Offenburg. "Raimlosi Zidde" ähnle eher einem Spaziergang, der nach jeder Kurve starke, überzeugende Bilder liefere. "Die stimmigen Sprachbilder, die abrupten Perspektivwechsel und der schnelle Spannungsaufbau" haben die Jury beeindruckt.

Zwei zweite Preise gab es in der Sparte Prosa. Beim Vortrag der beiden Autoren wurde dem Publikum klar, wie schwer es für die Jury war, eine Entscheidung zu treffen. Brigitte Neidig aus Gengenbach wurde für "D ledschd Staffel" ausgezeichnet. Dabei sinniert die Mundartautorin mit ihrer Erzählfigur "S Lorli, die gschlouchd, muedrig uf de Bank vor sinnen Huus hoggd". Die Seniorin muss ihr Haus verlassen, in dem sie 40 Jahre ihres Lebens verbracht hat. Beim geistigen Abschied denkt Lorli an die Anfänge, als sie mit der Familie als Neubürger ins Neubaugebiet gezogen sind und wie aus ihnen Alt-Neubürger wurden, weil ein neues Neubaugebiet erschlossen wurde. Brigitte Neidig habe den Dialekt gekonnt eingesetzt, lokale Bezüge eingebracht, um die Lebenswirklichkeit von Lorli äußerlich statisch, aber innerlich bewegend vorzustellen, sagte Ulrike Derndinger. In der Laudatio betonte das Jurymitglied, dass dies melancholisch, zurückhaltend und nicht kitschig gelungen sei. Letztendlich habe der Pragmatismus in der Geschichte gesiegt: "Muesch nomol e wing draalange, de Reschd zammepagge, din ledschd Bindeli".

Mit einer Lausbubengeschichte überzeugte Roland Burkhart, der am Kaiserstuhl aufgewachsen ist. In "Verloffe?" geht es um zwei Brüder und deren Haus- und Hofhund Fipps, die sich bei einem Spaziergang verlaufen. "Wuu simmer jetz? Simmer dänn de Rhiin na uff Saäschbe zöe oder zum Limbärg, oder ender nuufzöes uff Burg?" Der Mundartautor hält den Spannungsbogen bis zum Schluss, erzähle sehr lebendig, so Derndinger.

Kathrin Ruesch reist aus den Pyrenäen an

Kathrin Ruesch war eigens aus den Pyrenäen angereist, um den ersten Preis in der Sparte Prosa entgegen zu nehmen. "Ich kann immer noch Mundart", sagte die strahlende junge Schriftstellerin, die jetzt in Frankreich lebt. Ludwig Hillenbrand hielt die Laudatio auf sie und ihre Geschichte "S End vu de Wäld". In der heißt es: "Als Kind isch de Radius vu de Wäld der vum Augenwinkel. Die Wäld isch so widd mer luega ka." Doch auch ein Kind wird seinen Standort, seine Perspektive ändern – und für das Kind ist der Sonntagsausflug ins Elsass der Anlass, an dem das Umdenken einsetzt und die Oma ihr erklärt, dass das Ende der Welt vom jeweiligen Standort aus sich ändere. Das Fazit: "S End vu de Wäld des gits gar nit, aber s Beschte vu de Welt isch elsässische Gugelhupf". Werner Weber erhielt für seine Geschichte "D Bleispitzer" einen Sonderpreis.

Die Veranstaltung wurde von Helmut Dold musikalisch untermalt. Der Lahrer Mundartwettbewerb um die Murre wird auch im nächsten Jahr wieder stattfinden.