Immobilienmarkt

Die niedrigen Zinsen treiben die Immo-Preise – trotz Corona

Finn Mayer-Kuckuk,dpa

Von Finn Mayer-Kuckuk & dpa

Mo, 28. Dezember 2020 um 18:07 Uhr

Wirtschaft

Trotz – oder wegen – der Pandemie kaufen die Deutschen weiter Immobilien zu immer höheren Preisen. Die niedrigen Zinsen heizen den Trend an. Auch bei den Mieten ist keine Entspannung in Sicht.

Im Schnitt stiegen die Preise im Quartal von Juli bis September 2020 um 7,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Die Baubranche beziffert unterdessen das Plus beim Wohnungsbau in diesem Jahr bundesweit auf vier Prozent. Die Bausparkassen können sich vor Anfragen nach Baufinanzierungen kaum noch retten.

"Damit verteuerten sich Wohnimmobilien trotz der andauernden Corona-Krise sowohl in der Stadt als auch auf dem Land weiterhin deutlich", stellten die Statistiker vom Bundesamt fest. Am stärksten stiegen erneut die Preise für Eigentumswohnungen in den Großstädten. Hier lag der Zuwachs im Vergleich zum Vorjahresquartal bei mehr als zehn Prozent.

Am zweitstärksten stiegen die Preise in dicht besiedelten Kreisen auf dem Lande

Ebenfalls sehr gefragt waren Rückzugsräume außerhalb der Städte: Am zweitstärksten stiegen die Preise in dicht besiedelten Kreisen auf dem Lande. Dort lag der Anstieg bei 9,7 Prozent. Doch Analysten warnen davor, daraus einen Trend zur Flucht von der Stadt aufs Land abzuleiten. "Die Nachfrage nach Wohnimmobilien entwickelt sich auf dem Land und der Stadt parallel", stellt das Portal Immobilienscout24.de nach Auswertung der Suchdaten im Jahresverlauf fest. Das Interesse an Eigentumswohnungen und Häusern zum Kauf im städtischen Umland sei allerdings gestiegen. "Die Speckgürtel gewinnen an Attraktivität."

"Die Corona-Krise verstärkt den Trend zur Wanderung ins Umland der Großstädte", sagt Michael Voigtländer, Immobilienexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Folglich könnten die Mieten in den Speckgürteln stärker steigen als in den Metropolen, wo schon viel Spielraum für Erhöhungen ausgereizt sei.

"Das Umland ist der Gewinner der Pandemie."Gewos-Geschäftsführerin Carolin Wandzik

Das Hamburger Gewos-Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung erwartet ebenfalls mehr Wanderungen in die Regionen um die Großstädte. "Das Umland ist der Gewinner der Pandemie", sagte Geschäftsführerin Carolin Wandzik. Auch sie halte es für wahrscheinlich, dass die Mieten im Umland 2021 stärker steigen als in den Großstädten selbst. "Der Abstand beim Preisniveau dürfte sinken." Auch für Investoren werde das Umland der Metropolen attraktiver.

Kein Ende der Mietanstiege

Gewos sieht kein Ende der Mietanstiege in Deutschland – trotz Corona-Krise. Seit dem Frühjahr, als sich die Pandemie hierzulande ausbreitete, habe es lediglich einen kleinen Dämpfer gegeben. Im dritten Quartal seien die Mieten im Schnitt noch um 3,4 Prozent gemessen am Vorjahreszeitraum gestiegen, zeigt eine Gewos-Auswertung für die dpa.

Der Grund für den weiteren Anstieg der Immobilienpreise trotz der schrumpfenden Gesamtwirtschaft liegt in den niedrigen Zinsen. Eine Finanzierung lässt sich derzeit schon für ein Prozent Jahreszins erhalten, für kurze Laufzeiten sogar günstiger. Im Jahr 2008 waren es noch über fünf Prozent, in den Neunzigerjahren zum Teil über acht Prozent.

Für einen Kredit in Höhe von 500.000 Euro zahlen die Bankkunden daher heute insgesamt nur 50.000 Euro an Zinsen, vor 20 Jahren waren es 360.000 Euro. Die Monatsraten fallen deshalb niedriger aus, weswegen sich Käufer heute mit dem selben Einkommen höhere Kredite leisten können.

"Vermutlich rechnet nun kein Marktteilnehmer mehr mit einem markant höheren Zinsniveau in den nächsten zehn Jahren oder auch darüber hinaus."Harald Simons und Marco Schmandt vom Forschungshaus Empirica
Die niedrigen Zentralbankzinsen treiben daher die Immobilienpreise in die Höhe. Die Corona-Situation sorgt insgesamt für steigende Bewertungen von Anlagegütern wie Immobilien oder Aktien. Denn Zentralbanken weltweit wie die Fed in den USA und die EZB in der Eurozone haben eine fortgesetzte Politik billigen Geldes versprochen, um die Märkte zu stützen.

"Vermutlich rechnet nun kein Marktteilnehmer mehr mit einem markant höheren Zinsniveau in den nächsten zehn Jahren oder auch darüber hinaus", schreiben die Immobilien-Ökonomen Harald Simons und Marco Schmandt vom Forschungshaus Empirica im Herbstgutachten der Immobilienwirtschaft. Aus diesem Grund sei auch in der Corona-Krise kein Bruch im Trend zu höheren Preisen zu bemerken.

Bausparkassen rechnen mit mehr ausgezahlten Baugeldern

Der Chef des Verbandes der Privaten Bausparkassen, Bernd Hertweck, sagt, er erwarte bei den ausgezahlten Baugeldern zum Jahresende für die von ihm vertretenen Häuser ein Plus von 15 Prozent im Vergleich zu 2019. Damit dürfte die Marke von rund 30 Milliarden Euro geknackt werden.

Bei der Baufinanzierung repräsentieren die privaten Institute rund drei Viertel des Marktes. Den Rest teilen sich die öffentlich-rechtlichen Landesbausparkassen, die dieses Jahr in Summe ebenfalls mit einem Zuwachs von etwa 15 Prozent rechnen. 2019 hatten die Landesbausparkassen ihren Kunden insgesamt 10,8 Milliarden Euro an Baufinanzierungsgeldern ausgeschüttet. Die neuen Zahlen untermauern eine These, die in der Pandemie eindrucksvoll bestätigt wurde: In Krisenzeiten setzen die Menschen ungeachtet aller Existenzsorgen stärker denn je auf Wohneigentum.

So vermeldet die Baubranche für den Wohnungsbau ein Umsatzwachstum. Während die Bereitschaft von Industriekonzernen und Dienstleistungsbetrieben zu Investitionen in Bauprojekte schwinde, sehe es beim Wohnungsbau ganz anders aus.