Geburtstag

Die rebellische Mode-Schöpferin Vivienne Westwood wird 80 Jahre alt

Philip Dethlefs

Von Philip Dethlefs (dpa)

Mi, 07. April 2021 um 07:48 Uhr

Panorama

Sie gab dem Punk seinen Look und revolutinierte den Laufsteg. Heute engagiert sich Vivienne Westwood für das Klima. Dafür lässt sie sich auch mal in einem Panzer zum britischen Premier fahren.

Der Gedanke, dass anlässlich ihres runden Geburtstags auf ihre Lebensgeschichte und ihre Karriere zurückgeblickt wird, dürfte Vivienne Westwood ein Graus sein. "Müssen wir das alles besprechen", meckerte sie schon in dem sehenswerten Dokumentarfilm "Westwood: Punk, Icon, Activist", der 2018 Premiere hatte. "Das ist so langweilig." Stimmt natürlich nicht. Langweilig war kaum etwas in Westwoods Leben. Aber statt über ihre Vergangenheit zu sprechen, richtet die Mode-Anarchistin und Aktivistin, die am 8. April 80 Jahre alt wird, die Aufmerksamkeit lieber auf ihre politischen Anliegen.

"Ich hab mich überhaupt nicht als Modedesignerin betrachtet, aber ich habe festgestellt, dass ich sehr talentiert war"

So sorgte sie im vergangenen Jahr mit dem Protest für die Freilassung von Wikileaks-Gründer Julian Assange für Aufsehen. Im knallgelben Outfit saß sie vor einem Gerichtsgebäude in London in einem überdimensionalen Vogelkäfig. "Ich bin Julian Assange!", rief sie vor Journalisten und Demonstranten in ihr Megafon und: "Die Welt ist korrupt!"

Seit langem engagiert sich die Britin mit der blassfahlen Haut für Menschenrechte, Frieden, Tierschutz und gegen den Klimawandel. Die große Show gehört stets dazu, denn sie garantiert ihr Aufmerksamkeit. 2015 ließ sie sich in einem weißen Panzer zum Privathaus des damaligen britischen Premiers David Cameron fahren, um gegen Gasgewinnung durch Fracking zu protestieren.

Das politische Statement war und ist auch fester Bestandteil ihrer Mode – gelegentlich zum Leidwesen ihres Ehemannes und Co-Designers Andreas Kronthaler, wie in der Westwood-Doku von Regisseurin Lorna Tucker deutlich wird. "Sie mag es, wenn die Kleidung eine Botschaft hat", so Kronthaler, "was ich gut finde, oder nicht gut. Ich bin mir nicht sicher." Seit fast 30 Jahren ist Westwood mit dem 25 Jahre jüngeren Österreicher, ihrem ehemaligen Modestudenten, verheiratet.



Falls es mit der Künstlerinnen-Karriere nicht klappen sollte, studierte Westwood erst einmal Lehramt

Mode allein war Westwood nie genug. "Ich wollte keine Modedesignerin sein", stellte sie 2009 im Time-Magazin klar. Dabei hatte die Tochter eines Schuhmachers und einer Baumwollspinnerin schon als Kind ein Händchen für Mode gezeigt. Westwood, die 1941 als Vivienne Isabel Swire in der Gemeinde Tintwistle nahe Manchester geboren wurde, zog im Teenageralter mit ihren Eltern und Geschwistern in die Nähe von London. Nach der Schule begann sie eine Ausbildung zur Lehrerin – mit Kunst als Hauptfach. Ihr Plan: "Ich werde versuchen, Künstlerin zu werden. Und wenn ich keine Künstlerin sein kann, werde ich Lehrerin."

Zunächst lernte sie Derek Westwood kennen, mit dem sie Sohn Ben bekam. Die Ehe hielt nur zwei Jahre. Aus der anschließenden Beziehung mit dem jungen Kunststudenten Malcolm McLaren, dem späteren Manager der Sex Pistols, ging ihr zweiter Sohn Joseph hervor. McLaren brachte außerdem eher zufällig Westwoods Fashion-Karriere auf den Weg.

Westwood und McLarens Laden "Let it Rock" soll der Gründungsort der Sex Pistols gewesen sein

Mit ihm eröffnete sie 1970 auf der Londoner King’s Road den Laden "Let it Rock" für Schallplatten und von ihr entworfene Mode. Die Boutique wechselte Namen und Stil mehrfach, bot zeitweilig als "SEX" gewagte S&M-Mode an, und heißt seit 1979 bis heute "World’s End". In den 70er Jahren war sie ein Treffpunkt der Punk-Szene und gilt auch als Gründungsort der Sex Pistols. Westwood kreierte die ersten Outfits für Johnny Rotten und Co. mit Sicherheitsnadeln, Netzhemden und Nietenarmbändern – und erschuf damit den ikonischen Punk-Look.

"Ich hab mich überhaupt nicht als Modedesignerin betrachtet, aber ich habe festgestellt, dass ich sehr talentiert war", erzählt Westwood in Tuckers Dokumentation. Nachdem sie in der Heimat anfangs belächelt und im Fernsehen noch in den späten 80ern sogar ausgelacht worden war, wurde sie 1990 und 1991 als Britische Designerin des Jahres ausgezeichnet. 2006 wurde sie von Queen Elizabeth II. geadelt. Während Dame Vivienne im Herzen immer noch Punk ist, gehört ihre Mode längst zum Establishment. Prinzessin Eugenie heiratete 2011 in einem Westwood-Kleid. Selbst die frühere Premierministerin Theresa May trug einen Hosenanzug von ihr.

"Ich bin die einzige Person mit einem Plan, um die Welt vor dem Klimawandel zu retten"

Eigensinnig und unbequem ist Westwood heute nur noch, wenn es um den Klimaschutz geht. "Climate Revolution" heißt ihre Website, eine Mischung aus Politblog und Tagebuch im Punkdesign. "Ich bin die einzige Person mit einem Plan, um die Welt vor dem Klimawandel zu retten", verkündete sie kürzlich in einer Videobotschaft. Einmal pro Woche veröffentlicht sie auf ihrem Youtube-Kanal solche Ansprachen, die meistens etwas schrullig wirken. Nähere Details dieses Plans bleibt sie bislang aber schuldig. Aber eines scheint sicher: Vivienne Westwood ist es ernst.