Die Region rückt mehr in den Fokus

Michael Baas

Von Michael Baas

So, 21. Februar 2021

Kunst

Das Vitra Design Museum in Weil beleuchtet die Design-Gruppe Memphis und justiert in der Pandemie mit längeren Laufzeiten nach.

Die Pandemie erfährt Museumsleiter Mateo Kries als "Einschnitt", wie er sagt – zumal sein Haus als Privatmuseum weder eine staatliche noch eine kommunale Dauerförderung bekommt. Ein Blick aufs Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Ein "spezielles Gefühl", so beschreibt Mateo Kries den Start einer neuen Ausstellung in der Gallery des Vitra Design Museums in Weil am Rhein. Die kleinste Bühne des Vitra Campus lenkt den Blick auf die italienische Design-Gruppe Memphis um Ettore Sottsass.

Diese propagierte in den 1980er Jahren ein Kontrastprogramm zum Bauhaus-Design der 1920er und 1930er Jahre. Die im wahrsten Sinn schrillen und schrägen Entwürfe montieren Elemente der Popkultur, des Comic, der Werbewelt und postmoderne Gesellschaftstheorie zu einem "wilden Mix"(Kries), in dem auch Oberflächen wie bunt bedrucktes Resopal oder Laminat, die Farben und das Dekor den Imperativ der Reduktion auf die Funktion und das Praktische unterlaufen und mit Lebensgefühl oder Haltung anreichern.

Pandemiebedingt ist dieser Memphis-Look, der das Design mit einem Hauch von Dekadenz aus der funktionalistischen Routine befreite, einstweilen nur virtuell zu sehen. Doch auch jenseits der Empfindungen hinterlässt die Pandemie Spuren im Museum, hat Nachjustierungen zumindest beschleunigt: So läuft "Memphis. 40 Jahre Kitsch und Eleganz" ein ganzes Jahr. Eine bewusste Anpassung an die Unwägbarkeiten der Pandemie, erklärt Kries und lässt noch offen, ob dieses lange Intervall einmalig bleibt. Im 2016 eröffneten Schaudepot, der zweiten großen musealen Bühne neben dem Gehry-Bau, setzt das Museum künftig dagegen prinzipiell auf längerfristige Projekte. Statt der bisher pro Jahr üblichen drei kleinen Wechselausstellungen wird nun ganzjährig ein Thema inszeniert. Im Gegenzug wird der museale Kern, die als Dauerausstellung präsentierte Museumssammlung, dynamischer gestaltet, werden die Objekte mit Bezug zum Schwerpunkt ausgetauscht. Zum Start geht es 2021/22 um Frauen im Design, verrät Kries. Eröffnet wird jeweils im Juni angedockt an die Art Basel. In der Wirtschaft würden solche Anpassungen als Effizienzverbesserung bezeichnet. Kries sieht den "neuen Modus" aber vor allem als Hebel, regionales Publikum anzulocken. Denn auch das ist seine Erfahrung der Pandemie: Die fehlenden internationalen Gäste verdeutlichten, wie wichtig der regionale Einzugsbereich sei. Hier sollen fundamentaler wechselnde, länger laufende Themenausstellungen die Neugier wachhalten. Am Turnus der großen, imageprägenden Ausstellungen im Gehry-Bau ändert sich dagegen nichts. Hier bleibt es bei sechs Monaten Laufzeit.

Die Pandemie erfährt der Museumsleiter als "Einschnitt", wie er sagt – zumal sein Haus als Privatmuseum weder eine staatliche noch eine kommunale Dauerförderung bekommt. Mit Anpassungen und Kurzarbeit sei man bisher aber einigermaßen "glimpflich" davongekommen und in "keiner existenziellen Krise".

Breit gefächerte Einnahmeseite

Zwar wurde personell umstrukturiert. Für die Gallery etwa gibt es vorerst keine eigene Kuratorenstelle mehr. Das "Glück im Unglück" sei, dass das Museum immer eine breit gefächerte Einnahmeseite hatte. Dazu zählen Wanderausstellungen, Fundraising und ein eigener Verlag. Der Ende 2019 veröffentliche "Atlas des Möbeldesigns" etwa verkaufe sich sehr gut. Das helfe in der aktuellen Situation.

Vorangebracht hat die Pandemie auch das digitale Angebot. Auf den diversen Kanälen gibt es inzwischen nicht nur statische Bilder, sondern geführte Ausstellungen, Live-Gespräche auf Instagram und Erklärstücke zur Sammlung. "Diese Dinge hat die Pandemie beschleunigt, und sie werden bleiben", ist Kries sicher. Unter den Kunstmuseen im deutschsprachigen Raum spiele das Vitra Design Museum da sogar ganz vorn mit, knapp hinter der Riehener Fondation Beyeler, mit 138 000 Instagram-Followern Spitzenreiter. Danach folgt das Vitra Design Museum mit 137 000 Aufrufen, allein eine fünfminütige Präsentation von Marcel Breuers Stahlrohrsessel "Wassily" erreicht 27 850 Aufrufe. Das liegt weit vor vergleichbaren Zahlen der staatlichen Museen in Berlin oder der Schirn in Frankfurt. Für Facebook bilanziert das Vitra Design Museum weitere 110 000 Follower. Eine nachhaltige Konkurrenz für das reale Museum fürchtet Mateo Kries gleichwohl nicht. "Die Zukunft wird ein Mix", ist er überzeugt. Diese These bestätigt die quasi private Medienführung durch die kleine Memphis-Schau: Die dort vor einer wandfüllenden, psychedelisch flirrenden, ornamental gemusterten Tapete auf einem Podest aufgereihten ikonischen Objekte entwickeln eine installative, skulpturale Anmutung, die vor allem im Raum wirkt. Die halbkreisförmige Leuchte "Super" von Martine Bedin ist ein Beispiel; Sottsass’ asymmetrisch komponiertes, mit Schlangenhaut-Imitat, Chrombügel und Leuchte verziertes Regal "Beverly" ein anderes. Die collageartigen Stücke mäandern in einer Art zwischen Massenkultur und Avantgarde, die man gesehen haben muss.

Ausstellung: "Memphis 40 Jahre Kitsch und Eleganz". Bis 23. Januar 2022, Vitra Campus, Charles-Eames-Str. 2, Weil am Rhein. In der BZ-Talkreihe "Rangezoomt" spricht Mateo Kries am 25. Februar um 15 Uhr über den "Clubsessel B 3 / Wassily, 1925" von Marcel Breuer.
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