Rückblick

Die Säckinger hatten 1919 großes Interesse an der Politik

Irene Krauß

Von Irene Krauß

Fr, 23. August 2019 um 19:00 Uhr

Bad Säckingen

Wie lebten die Menschen in Säckingen nach dem Ersten Weltkrieg? Zwar herrschte auch soziale und wirtschaftliche Not, das gesellschaftliche Leben hat aber schnell wieder an Fahrt aufgenommen.

Wie sah das Leben in Säckingen 1919, also im ersten Jahr nach dem Ersten Weltkrieg aus? Zwar herrschte auch in Säckingen soziale und wirtschaftliche Not, aber es überwogen Zeichen des Neubeginns: Die Wahlen zu einer demokratischen Neuordnung standen an, wobei erstmals auch Frauen wählen durften. Die Lokalzeitungen, das Säckinger Tagblatt (bis Ende 1918) sowie die Waldshuter Tageszeitung Alb-Bote spiegeln die örtlichen Verhältnisse wider.

Zwischen Not und Lebensfreude
Den Krieg hatte man auch in Säckingen gründlich satt und so herrschten trotz allgemeiner wirtschaftlicher Not auch Erleichterung und Lebensfreude. "Die Jugend läßt sich ihr Recht zur Daseinsfreude nicht verkümmern" hieß es dazu im Alb-Boten (Fr., 2. Jan. 1919, Nr. 2). Tanzveranstaltungen wurden organisiert und zum Kinofilm Trompeter von Säckingen strömten die Besucher "aus der nahen und weiten Umgebung... in Scharen" ins Lichtspielhaus des Schützenwirts Broglie. Der brachte bald darauf auch ein "Jägerdrama aus dem bayerischen Hochgebirge", Der Jäger von Fall, nach dem Roman von Ludwig Ganghofer ins Schützenlichtspielhaus − ein weiterer Publikumserfolg.

Die Säckinger Vereine und politischen Vereinigungen, vor allem aber das Rote Kreuz, bewiesen viel Gemeinsinn und bereiteten den heimkehrenden Soldaten im "Schützen" einen warmen Empfang: Im Stil einer nachträglichen Weihnachtsfeier trat das Christkind "in magischer Lichtfülle" auf, sprach vor dem Christbaum seine Weihnachtsgrüße aus und überreichte Geschenke (Alb-Bote, Mo., 6. Jan. 1919, Nr. 4). Am 5. Januar 1919 standen die Wahlen zur verfassungsgebenden badischen Landesversammlung an und damit die Möglichkeit, die gegenwärtigen Verhältnisse durch politische Mitbestimmung zu verbessern. Die Entscheidung über dieStaatsform sollte der Nationalversammlung vorbehalten bleiben (19. Januar 1919).


Von der Monarchie zur Republik
In Säckingen, wie überhaupt in Baden, machten die Bürgerinnen und Bürger bereits am 5. Januar 1919 Gebrauch von ihrem Wahlrecht. Bei diesen Wahlen zur verfassungsgebenden badischen Nationalversammlung konnten erstmals auch Frauen wählen und selbst gewählt werden. Das Säckinger Tagblatt hatte seit Kriegsende immer wieder aufgerufen, sich über die Anliegen der politischen Parteien zu informieren: "Die alten Parteiprogramme gelten nicht mehr, wir müssen uns heute einmütig zur Republik bekennen und mithelfen wieder zur Ordnung und Ruhe zu kommen" (Fr., 29. Nov. 1918, Nr. 192). Die Aufgaben für die neu entstandene Republik seien schwer, wobei die "vornehmste und heiligste Verpflichtung" sei, "für die Hinterbliebenen unserer Soldaten und für die zahlreichen Kriegsbeschädigten zu sorgen." (Mo., 2. Dez. 1918, Nr. 194). Man war sich also der Verantwortung für die Kriegsversehrten bewusst, denn der Armee waren die (arbeitsunfähigen) Veteranen weitgehend egal. Das politische Leben in Säckingen schien in diesen Monaten vor den Wahlen lebhaft gewesen zu sein: Man diskutierte, politische Veranstaltungen wurden angeboten und offensichtlich gut besucht.

Zentrum bei den Wahlen vorne
Insgesamt wählte man in Baden mit Zentrum, SPD und DDP (Deutscher Demokratischer Partei) gemäßigt und demokratisch. Diese Tendenz spiegelte sich in den Säckinger Wahlergebnissen wider: Die Zentrumspartei erhielt angesichts des größeren katholischen Bevölkerungsanteils die Stimmenmehrheit mit 5945 Stimmen. Viele Frauen in katholischen Organisationen entschieden sich für das Zentrum. Die SPD wählten im Amtsbezirk Säckingen 2730 Wahlberechtigte und 1186 die Demokratische Partei. Damit erhielten auch in Säckingen die Parteien, die die provisorische Regierung in Baden gestellt hatten, das Vertrauen ausgesprochen. Bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung wenige Wochen später sah das Ergebnis für den Amtsbezirk Säckingen ganz ähnlich aus: Das Zentrum erhielt 5918 Stimmen, die SPD 2800, die DDP 1091 und die Deutsch-nationale Partei 49 Stimmen (Alb-Bote, Mo., 20. Jan. 1919, Nr. 16).

100 Jahre Frauenwahlrecht
Seitdem am 12. November 1918 das Frauenwahlrecht überhaupt erst proklamiert worden war, hatte auch das Säckinger Tagblatt dem gezielten Werben um die weibliche Wählerschaft in Säckingen breiten Raum gegeben. Alle Parteien und gesellschaftlichen Institutionen bemühten sich, die weibliche Bevölkerung ins politische Leben einzubeziehen. Bei politischen Veranstaltungen traten erstmals Frauen als Rednerinnen auf. So erfolgte Mitte Dezember eine im Säckinger Schützensaal veranstaltete Frauenversammlung zur "Aufklärung der Frauenwelt". Die Rednerin erläuterte politische Programme und die Entwicklung der Staatsform sowie die Bedeutung der badischen Wahlen am 5. Januar 1919. Es sei "die große Verantwortung um unsere künftige Entwicklung, die nun auch in die Hände der Frauen gelegt sei... " (Fr., 13. Dez. 1918, Nr. 201).

"Was soll die Frau in der Politik?"
Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals auf nationaler Ebene ihr Wahlrecht nutzen. Die Wahlaufrufe wirkten selbstbewusst: Auf die Titelzeile "Was soll die Frau in der Politik? " antwortete man mit für die damalige Zeit recht provokanten Argumenten: "1. Den Männerzank vermindern! 2. Die Volkseinheit erhalten! 3. Den Volksstaat für alle wohnlich machen! 4. Die Volksschule in Stadt und Land bessern! 5. Die Volkssitte und Volksgesundheit pflegen! 6. Sich selbst als Bürgerin fühlen! " (Alb-Bote, Do., 2. Jan. 1919, Nr. 1). Dieses Bewusstsein, durch die Beteiligung an politischen Wahlen zu einer "vollwertigen Staatsbürgerin" zu werden, beflügelte offenbar viele Frauen; die Wahlbeteiligung zwischen Männern und Frauen jedenfalls galt in Baden als ausgeglichen.

Dessen ungeachtet erfolgte in den folgenden Monaten der "Frauenabschied" in Büros und Fabriken, bei Post und Bahn. Nachdem die Männer aus dem Krieg zurückgekehrt waren, übernahmen sie ihre Arbeitsstellen wieder und die Frauen mussten zurück in die zweite Reihe treten. Zwar begrüßte man allenthalben diese Rückkehr ins Private zum Wohle der Kindererziehung, aber − so formulierte es der Alb-Bote wohlwollend − "die Beteiligung am öffentlichen, wirtschaftlichen und amtlichen Leben" dürfte "den Frauen eine gute Schulung zu politischen Erkenntnissen" gewesen sein.