100 Jahre Arbeiterwohlfahrt

Denzlingens dringendste soziale Probleme: Kinderarmut, Einsamkeit, Wohnungsnot

Sebastian Krüger

Von Sebastian Krüger

Fr, 02. August 2019 um 10:31 Uhr

Denzlingen

Die AWO feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Im Interview sprechen regionale AWO-Vorständen über die Geschichte des Selbsthilfeverbands der Arbeiter – und aktuelle Herausforderungen.

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen, weswegen der Ortsverein Denzlingen und der Kreisverband Freiburg im Seniorenzentrum Grüner Weg am Samstag ein Sommerfest veranstalten. Über die bewegende Geschichte der AWO und die sozialen Probleme in Denzlingen sprechen die AWO-Vorständen Detlef Behnke und Hansjörg Seeh im Interview.

BZ: Was sind die dringendsten sozialen Probleme in Denzlingen?
Behnke: Bei jungen Menschen Kinderarmut, bei Senioren Einsamkeit und generell die Wohnungsnot.

BZ: Und was kann die AWO dagegen tun?

Behnke: Im AWO-Hort und in der Nachmittagsbetreuung kümmern sich vierzehn Erzieherinnen und Erzieher um 128 Grundschulkinder und in der Schulmensa versorgen wir 135 Schüler. Kinder aus Familien mit geringem Einkommen oder ohne Erwerbseinkommen erhalten ein reduziertes Mittagessen. Darüber hinaus liefern wir Essen auf Rädern aus. 21 000 warme Mahlzeiten bringen wir im Jahr zu älteren, oft alleinstehenden Menschen. Wir versuchen, ihnen dabei Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken.

" Viele Arbeiter hatten keine Wohnung und litten Hunger. Reichspräsident Friedrich Ebert beschrieb die AWO als Selbsthilfe der Arbeiterschaft." Hansjörg Seeh
BZ: Die Wohnungsnot kann die AWO aber nicht lindern.
Behnke: Da haben wir leider kaum Möglichkeiten. Dabei sind mir zehn bis zwölf Fälle bekannt, wo Menschen akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind, weil Vermieter Eigenbedarf ankündigen oder die Miete erhöhen, so dass die Mieter es sich nicht mehr leisten können, dort wohnen zu bleiben. Und sie finden in Denzlingen keinen bezahlbaren Wohnraum. Es kommt auch immer wieder vor, dass Vermieter versuchen, die Mieter aus der Wohnung zu mobben.
Zur Person

Detlef Behnke (70) ist seit 2014 Vorsitzender des Denzlinger AWO-Ortsvereins.

Hansjörg Seeh (82) ist Vorsitzender des Kreisverbandes der AWO Freiburg und Ehrenvorsitzender der AWO Baden.

BZ: Als die AWO sich gründete, standen nicht Senioren und Kinder im Fokus, sondern Arbeiter.
Seeh: Die Ausgangslage war eine andere. Die Situation der Arbeiter 1919 war katastrophal. Es gab keine sozialen Sicherungssysteme. Viele Arbeiter hatten keine Wohnung und litten Hunger. Reichspräsident Friedrich Ebert beschrieb die AWO als Selbsthilfe der Arbeiterschaft.

BZ: Wofür hat sie sich vor 100 Jahren eingesetzt?
Seeh: Sie wollte für die Arbeiter verbindliche Rechte gegenüber dem Staat durchsetzen. Im Kaiserreich zum Beispiel haben Menschen ihr Wahlrecht verloren, wenn sie Almosen bekommen haben. Die AWO hat die Reichswohlfahrtsfürsorge durchgesetzt, einen Vorläufer der heutigen Sozialgesetzgebung. Heute engagiert sie sich vor allem im Bereich der Pflege und der Betreuung. Sie ist aber auch eine Organisation, die in politischen Fragen Stellung bezieht, Gesetzesvorschläge einbringt und unsere Gesellschaft gerechter machen will.

BZ: Mitreden durfte die AWO nicht immer. Im Dritten Reich wurde sie verboten.
Seeh: Die Nationalsozialisten haben sie 1933 verboten, wollten sie aber in die sogenannte Volkswohlfahrt integrieren. Doch da hat die AWO – im Gegensatz zu konfessionellen karitativen Einrichtungen – nicht mitgemacht. In der Folge wurden Büros besetzt, ihr Vermögen beschlagnahmt und Mitglieder verfolgt, verhört und verhaftet. Viele mussten fliehen.

BZ: Und nach Kriegsende?
Seeh: Es gab einen Neuanfang. Die AWO organisierte Näh- und Wärmestuben sowie Suppenküchen und wurde politisch unabhängiger von der SPD.

"Richtig los ging es Mitte der 1970er mit der Hausaufgabenhilfe für behinderte und ausländische Schüler und der Nachbarschaftshilfe für Senioren." Detlef Behnke
BZ: Wie war die Situation in Denzlingen?
Behnke: Der Ortsverein gründete sich 1952. Er verkaufte Wohlfahrtsmarken und verteilte Weihnachtspakete. Es gibt aber kaum noch Unterlagen aus der Zeit. Richtig los ging es Mitte der 1970er mit der Hausaufgabenhilfe für behinderte und ausländische Schüler und der Nachbarschaftshilfe für Senioren. Das war die Zeit, in der sich unser langjähriger Vorsitzender Jochen Himpele sehr verdient gemacht hat. Man muss sagen: Jochen Himpele ist das Gesicht der Denzlinger AWO.

BZ: Was erwarten Sie für die Zukunft?
Behnke: Der demografische Wandel und der Fachkräftemangel werden die Arbeit der AWO nötiger machen denn je. Schon die Abschaffung des Zivildienstes war problematisch für uns. Dieses Jahr haben wir drei Bufdis, fürs nächste Jahr haben wir bisher erst eine Bewerbung erhalten. Gut ist, dass die Gemeindeverwaltung und die AWO eng kooperieren. Es ist eine Win-Win-Situation. Die Gemeinde unterstützt uns und wir entlasten mit unserer Arbeit die Kommune.
Seeh: Die Solidarität schwindet und die Kluft zwischen Arm und Reich nimmt zu. Die AWO ist auf Spenden angewiesen, doch es müssen nicht Geldspenden sein. Erst kürzlich haben Schüler des Erasmus-Gymnasiums sich Zeit genommen, um Senioren den Umgang mit Handys zu erklären. Ich frage mich auch, was die zunehmende Digitalisierung für die Pflegeberufe bedeutet? In Japan gibt es schon erste Versuche, bei denen Roboter in Pflegeheimen eingesetzt werden.

BZ: Wann werden in Denzlingen Roboter Essen ausliefern?
Behke: (lacht) Ich hoffe, nach meiner Zeit.
Termin

Das Sommerfest unter dem Motto "Jahrmarkt wie anno dazumal" wird am Samstag, 3. August 2019, ab 13 Uhr im AWO-Seniorenzentrum, Leipziger Straße 17 bis 19 in Denzlingen, gefeiert. Jeder Interessierte ist willkommen. Ab 14 Uhr werden Jahrmarktstände aufgebaut.

Die Arbeiterwohlfahrt

Die AWO ist ein dezentral organisierter Wohlfahrtsverband, den die SPD-Frauensekretärin und Reichstagsabgeordnete Marie Juchacz am 13. Dezember 1919 gegründet hatte. Mit rund 210 000 hauptamtlichen Mitarbeitern ist die AWO nach eigenen Angaben einer der größten Arbeitgeber Deutschlands. Sie gliedert sich in 30 Bezirks- und Landesverbände, 411 Kreisverbände und 3514 Ortsverbände. Der Denzlinger Ortsverband macht laut Behnke einen Jahresumsatz von 800 000 Euro und beschäftigt 14 Angestellte, viele von ihnen in Teilzeit. Dazu kommen rund 605 ehrenamtliche Helfer.