Geschichte

Vor 100 Jahren wurde Schwarz-Rot-Gold zur deutschen Nationalflagge

Christoph Arens

Von Christoph Arens (KNA)

Mi, 03. Juli 2019 um 11:24 Uhr

Kultur

Die Farben ergeben die Visitenkarte Deutschlands – und das seit 100 Jahren: Schwarz-Rot-Gold. Doch die Nationalflagge der Weimarer Republik war lange umstritten.

Schwarz-Rot-Gold – das waren seit dem 19. Jahrhundert die Sehnsuchtsfarben der Demokraten. Doch im preußisch dominierten Deutschland des 19. Jahrhundertes hatten sie keine Chance. Erst als das Kaiserreich 1918 unterging, wurde diese Trikolore zur Flagge der Weimarer Republik. Am 3. Juli 1919 stimmte die Nationalversammlung mit breiter Mehrheit zu – und schloss da zugleich einen Kompromiss: "Die Reichsfarben sind Schwarz-Rot-Gold, die Handelsflagge ist Schwarz-Weiß-Rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke", hieß es in der dann am 11. August 1919 in Kraft getretenen Verfassung.

Die Farben der Revolution 1848

Doch der Streit war damit nicht beendet. Kaisertreue und Radikale von rechts und links machten das Symbol der Republik verächtlich. Während Zentrum und SPD sich für die neue Flagge aussprachen, trauerten die Konservativen den Farben des Kaiserreichs hinterher.

Die Soldaten im Weltkrieg hätten für Schwarz-Weiß-Rot gekämpft. Demonstrativ hissten konservative Kreise bei besonderen Anlässen Schwarz-Weiß-Rot. Auch das Führungsgremium des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) machte aus seiner Gesinnung kein Geheimnis: Vor Länderspielen ließ es öfter statutenwidrig Schwarz-Weiß-Rot hissen. Die USPD verlangte hingegen, Deutschland möge eine rote Flagge als Zeichen der Revolution führen.

"Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme"

Ihren Ursprung hat das Schwarz-Rot-Gold beim mythenumwobenen Lützowschen Freikorps, das 1813/1814 gegen Napoleon kämpfte. 1817 auf dem Wartburgfest wurde diese Fahne zum Wahrzeichen der Burschenschaften. Zu den Farben der Demokraten wurde Schwarz-Rot-Gold beim Hambacher Fest. Am 27. Mai 1832 versammelten sich bekanntlich mehr als 30.000 Patrioten in der Pfalz, um gegen Zensur und Fürstenwillkür zu protestieren. Die schwarz-rot-goldene Fahne wurde auf dem Turm der Hambacher Schlossruine gehisst. Für Staatskanzler Metternich war das "versuchte Aufreizung zum Umsturz". Währenddessen forderte Heinrich Heine: "Pflanzt die schwarz-rot-goldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums..."

Spätestens mit der Revolution 1848 wurden Schwarz, Rot und Gold als explizit deutsche Farben wahrgenommen. "Pulver ist schwarz, Blut ist rot, golden flackert die Flamme" lautete das Kampflied Ferdinand Freiligraths. Als am 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche erstmals die Nationalversammlung tagte, waren die Straßen und der Sitzungssaal in Schwarz-Rot-Gold geschmückt. Doch schon wenig später, nach dem Scheitern der Revolution, wurde diese Fahne eingeholt. Bismarck ereiferte sich über "die Farben des Aufruhrs und der Barrikaden". Stattdessen setzte sich im preußisch dominierten Kaiserreich das "Schwarz-Weiß-Rot" durch – eine Verbindung der preußischen Farben Schwarz-Weiß mit den Hansefarben Weiß-Rot.

In der Nazi-Herrschaft wurde die Hakenkreuzfahne zur Reichsflagge

Auch während der Weimarer Republik blieb das Schwarz-Rot-Gold umstritten. Die Nazis höhnten "Schwarz-Rot-Senf" oder "Schwarz-Rot-Scheiße". Nach 1933 wurde die Hakenkreuzfahne zur Reichsflagge. Das Grundgesetz kehrte zu Schwarz-Rot-Gold zurück. Auch die DDR berief sich auf diese Tradition. 1959 fügte Ostberlin Ährenkranz, Hammer und Zirkel zur Flagge. Gleich nach der Maueröffnung am 9. November 1989 trennten viele DDR-Bürger diese Embleme heraus.

"Ist es nicht historisch absurd, wenn diese schwarz-rot-goldene Fahne heute am auffälligsten und am häufigsten ausgerechnet von denen geschwungen wird, die einen neuen nationalistischen Hass entfachen wollen?" Frank-Walter Steinmeier
Seit 1990 symbolisiert Schwarz-Rot-Gold Deutschlands neue Einheit. Dennoch: Die Deutschen blieben eher zurückhaltend. Selbst beim Gewinn der Weltmeisterschaften 1954, 1974 und 1990 zeigten sie selten Flagge. Erst das "Sommermärchen" 2006 im eigenen Land brachte die Wende.

Mittlerweile allerdings scheint das Schwarz-Rot-Gold von den Rechten gekapert zu werden. Pegida und AfD führen die Farben mit und erheben damit den Anspruch, für das ganze Volk zu sprechen. "Ist es nicht historisch absurd, wenn diese schwarz-rot-goldene Fahne heute am auffälligsten und am häufigsten ausgerechnet von denen geschwungen wird, die einen neuen nationalistischen Hass entfachen wollen?", fragte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Anfang Februar in Weimar. Schwarz-Rot-Gold müssten als "die Farben von Einigkeit und Recht und Freiheit" verteidigt werden.