Die Suche nach der Kindheit

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Do, 10. September 2015

Müllheim

In der Ausstellung "Gute Kinder" in der Mediathek Müllheim zeigt Sammler Günther Lang Kinderbücher um 1900.

MÜLLHEIM/BADENWEILER. "Die Bremer Stadtmusikanten", "Der bange Hans", "Die Geschichte von den Rotkehlchen" – viele der Kinderbücher, die derzeit in der Müllheimer Mediathek zu sehen sind, kennt man heute gar nicht mehr. Dass man sie nun wieder kennenlernen darf, hat die Mediathek dem Sammler Günther Lang zu verdanken. Dabei ist es nur ein winziger Bruchteil seiner Sammlung, den Lang ausstellt. Zu Hause hat er um die 3000 Bücher. Die BZ hat ihn in seinem Haus in Badenweiler besucht.

Gezählt hat er die Bücher nie, sagt Günther Lang. Er hatte zwar einmal angefangen, ein digitales Archiv anzulegen, aber der Computer gab irgendwann den Geist auf. Da hatte Lang 1800 Titel archiviert. Noch einmal will er sich die Mühe nicht machen, meistens findet er ja doch, was er sucht. Er öffnet einen Schrank in seinem Wohnzimmer, der vor Büchern beinahe überquillt, sie stehen dicht nebeneinander, liegen übereinander. Lang zieht eines heraus, aus dem Jahr 1684, die Seiten sind etwas vergilbt, die Farben der Bilder leicht verblasst. Wie der gebürtige Oberbayer, der seit 16 Jahren in Badenweiler lebt, so in dem Buch blättert, fallen ihn immer wieder Geschichten ein. Sein Wissen scheint niemals ausgeschöpft.

Aus seinem Fundus hat der Rentner, nun Kinderbücher um 1900 herausgesucht. "Der Titel ’Gute Kinder’ ist natürlich ironisch gemeint", sagt Lang. Angelehnt ist die Ausstellung an jene unter dem Titel "Böse Kinder" zu den Lausbuben "Max und Moritz", die die Mediathek kürzlich zeigte. "Gute Kinder, böse Kinder – gibt es alles nicht", sagt der 73-Jährige. Immer wieder springt er auf, rennt durchs Haus, um ein Buch zu holen. Diesmal hat er eine Mappe unterm Arm, in der er seine Ausstellungen dokumentiert hat, auch in Müllheim stellt er nicht zum ersten Mal aus.

Dort hat er nun eine Vitrine gefüllt. Einige der Bücher liegen aufgeschlagen darin, bei anderen ist das Cover zu sehen. Im Vordergrund stehen drei Bücher des englischen Illustrators Walter Crane – "ein wichtiger Mann", wie Lang sagt. Denn anhand seiner Bücher könne man gut den Übergang vom Historismus und Biedermeier zum Jugendstil sehen. In "Flora’s Feast" beispielsweise entstehen aus Blumen menschliche Figuren. "Typisch für die Zeit", erklärt Lang.

"Die Ausstellung zieht Leute an, die sonst nicht in die Mediathek kommen", sagt deren Leiterin Petra Zirlewagen, die "Gute Kinder" mit Lang geplant hat. Auch Kinder blieben gerne vor der Vitrine stehen, in der auch kleine Krüge mit der Aufschrift "Dem braven Kinde" zu finden sind. Schade nur, dass der Sammler Besuchern nicht selbst etwas zur Ausstellung erzählt. "Ich stehe nicht so gern im Mittelpunkt. Ich bin ein Mann des Dialogs", sagt er mehr ironisch als ernst. Dabei könnte er so viel Wissen über die Bücher und Illustrationen weitergeben. So müssen die Bücher für sich sprechen, wobei man aus verständlichen Gründen nicht darin blättern darf.

"Nur wo Reibung ist,

ist Leben."

Zurück in Langs Wohnzimmer: Dort ist offensichtlich, dass Lang ein leidenschaftlicher Sammler ist. Krüge und Vasen finden sich aufgereiht auf Regalen, in einem Buffetschrank stehen kleine Figürchen, die Ski fahren oder einen Blumenstrauß halten. Seine Frau teilt seine Leidenschaft, sagt Lang. Sie sammelt neben Kindergemälden Kinderbücher ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Welche Bücher beide nicht mögen, sind jene, die moralisierend sind. "Da wimmelt es nur so von Verlogenheit", sagt der ehemalige Fluglotse, dem immer mal ein englischer Ausdruck über die Lippen kommt, zum Beispiel wenn ihm etwas nicht einfallen will. "Holy Moses", schimpft er dann mit sich.

Am meisten mag Lang, wie er sagt, jene Bücher, die nicht die ideale Welt zeigen wie "Jack of all Trades" – übersetzt "Hansdampf in allen Gassen" – von JJ Bell. Darin werden die Handwerkerberufe vorgestellt – nicht gerade liebliche Bilder. "Nur wo Reibung ist, ist Leben", sagt Lang, selbst wenn manches wirklich "greislich" sei. In solchen Situationen kommt das Oberbayerische durch. Sowieso gerät Lang ins Schwärmen, wenn es um seine Heimat Ingolstadt geht.

Seit wann er eigentlich Kinderbücher sammelt? "Schon immer", sagt Günther Lang. Damit begebe er sich auch auf die Suche nach seiner eigenen Kindheit. Die sei wesentlich durch Bücher geprägt gewesen. Und: "Je älter wir werden, desto öfter blicken wir zurück."

Die Ausstellung "Gute Kinder – Kinderbücher und Illustrationen um 1900" ist noch bis Mitte Oktober (genauer Termin steht noch nicht fest) in der Müllheimer Mediathek, Nußbaumallee 7, zu sehen.