ARD-Serie

"Die Toten von Marnow": Doppelmord und Doppelmoral

scho

Von scho

Do, 11. März 2021 um 19:02 Uhr

Computer & Medien

Drastisch beginnt "Die Toten von Marnow" – dann entfaltet sich die ARD-Serie zu einem vielschichtigen Drama um Vertrauen und Verrat, Korruption und Vertuschung, Missbrauch und Rache.

Am Anfang will man ja gleich wieder wegschauen: Da liegt einer in einer schäbigen Plattenbauwohnung mit durchgeschnittener Kehle im Sessel, auf der Wunde krabbelt genüsslich ein fieses Insekt. Kurz darauf hängt einer kopfüber in der Dusche und blutet aus, ach, es ist ja derselbe Mann, aber warum hat man ihn gleich zweimal umgebracht? Ein anderer sitzt im Rollstuhl am See, nobles Ambiente, eine Seniorenresidenz offenbar. Ich brauche nichts mehr, ruft er, als sich ihm von hinten jemand nähert. Wie wahr, bloß war es halt kein Pfleger, der auf ihn zukam, sondern sein Mörder. Mit einem gezielten Schnitt trennt er ihm die Kehle durch und verschwindet dann spurlos.

Was für ein drastisches Intro! Da wundert einen die Altersfreigabe ab zwölf Jahren schon ein wenig. Andererseits: Der möglichst martialische Einstieg ist als Publikumsköder ja längst bereits beim ganz normalen Sonntagabendkrimi üblich. Andreas Herzogs ARD-Serie "Die Toten von Marnow" entfaltet sich danach aber zu einem vielschichtigen Drama um Vertrauen und Verrat, Korruption und Vertuschung, Missbrauch und Rache, Jäger und Gejagte.

"Die Toten von Marnow" (Regie: Andreas Herzog) ist ab Samstag, 13. März, in der ARD zu sehen und bereits jetzt komplett in der Mediathek.

Dass sie dabei als Thriller und Beziehungsdrama zugleich funktioniert, unterscheidet den Achtteiler wohltuend von der gängigen Krimikost. Der dreifache Grimme-Preisträger Holger Karsten Schmidt ("Mord in Eberswalde", "Auf kurze Distanz", "Das weiße Kaninchen", "Gladbeck"), der nach seiner eigenen Romanvorlage das Drehbuch schrieb, blickt ja gerne über die Grenzen der Genres. Hier tut er es in einer düsteren Mordgeschichte in der fiktiven Stadt Marnow zwischen Schwerin und der Mecklenburgischen Seenplatte, die zwielichtige Medikamentenstudien in den letzten Jahren der DDR und ebensolche Deals mit dem Westen zum Motor der Handlung macht.

Und in die bald auch das Ermittlerduo Frank Elling (Sascha Geršak) und Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller) persönlich verstrickt ist. Die beiden geraten immer tiefer in diesen Fall: Sie werden selbst schuldig, aus Not und Notwehr, und wissen schließlich nicht mehr, ob und wie sie ihr Leben und das ihrer Liebsten noch retten können. Während sie vor ihrem eigenen Verhalten die Augen verschließen, empören sie sich umso heftiger über die Medikamententests als "Menschenversuche": Doppelmoral ist ein schnell wachsendes Kraut.

Mecklenburg-Vorpommern als dritter Hauptdarsteller

Klar ist das thematische Amalgam aus alten Stasi-Seilschaften und Pharmaskandal keine wirklich unerhörte Idee, und ja, der ganze Plot ist nicht besonders originell, zudem sind manche Nebenfiguren arg klischeehaft gezeichnet. Und doch ist "Die Toten von Marnow" sehenswert. Sascha Geršak und Petra Schmidt-Schaller spielen glaubwürdig und wuchtig, ebenso Jörg Schüttauf als LKA-Mann und ikonischer Bösewicht. Getragen und kommentiert werden die Stimmungen und dramatischen Entwicklungen vom unaufdringlich überzeugenden Score des Jazzpianisten Martin Tingvall.

Die sprechenden Bilder (Kamera: Philipp Sichler) aber machen ein hochsommerliches Mecklenburg-Vorpommern zwischen Wald und See und Pool zum dritten Hauptdarsteller – drückende Hitze, lichte Weite, tödliche Enge und keine Heimat nirgends. Nur die Seelenverwandtschaft von Frank und Lona: Er der treusorgende Familienvater, hoch verschuldet und tief anständig am Anfang, bald aber ganz ohne was auf der Habenseite. Und sie die attraktive Vagabundin mit Wohnmobil, die man für eine Nymphomanin halten könnte, wäre sie nicht getrieben von einem geheimnisvollen alten Schmerz, zu dem dann auch noch ein konkreter neuer kommt.

In den vier abendfüllenden Filmen gibt es immer wieder Momente, in denen die Serie zeigt, was sie einem 90-Minüter voraushat: die Ruhe für ein Kino der Blicke, den Atem, um Beziehungen auszuloten. Wenn Zentralcharakter Frank in einer frühen Szene eine Überraschungsparty für die Gattin zum Hochzeitstag organisiert und am Abend dann erleben muss, wie sein liebender Blick, sein leuchtendes Lächeln ins Leere gehen, ist damit mehr erzählt als in seitenlangen Dialogen.

Natürlich ist solche subtile Präzision auch in einem Einzelfilm möglich, bloß reicht in einem Fernseh-Thriller die Zeit dafür dann doch meistens nicht, man will schließlich ordentlich Action und Crime präsentieren. Das gibt es hier auch, über den Thrill hinaus aber die Auseinandersetzung mit Fragen von Gut und Böse: spannende, emotional berührende Unterhaltung, die einen nach insgesamt sechs Stunden nicht mit dem Gefühl zurücklässt, Lebenszeit vergeudet zu haben.